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Autor Thema: Fast wie im Krimi: Spielbetrug mit radioaktiven Spielkarten in Berlin  (Gelesen 91 mal)

DG0MG

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Wer hat Ahnung von Poker?

Wie üblich muss man viele Presseartikel lesen, um ein halbwegs klares Bild einer Geschichte zu bekommen. Selbst in Artikeln der Boulevardpresse finden sich Details, die zur Aufklärung beitragen.

Weiter unten eine Aufstellung der Quellen.

Die Geschichte ging offenbar so:

Im November 2016 fährt ein Müllentsorgungsfahrzeug nach seiner Tour in die Müllverbrennungsanlage Rüdersdorf, betrieben von Vattenfall (Q:[9]). Die haben - wie auf Schrottplätzen - eine Kontrollstelle für Radioaktivität an der Einfahrt, wo der Detektor Alarm schlägt. Es werden die Feuerwehr, das Amt für Strahlenschutz, die Polizei und weitere zuständige Stellen informiert. Der Müll wird von Mitarbeitern durchsucht und die Quelle der Strahlung gefunden: Es sind zwei (Q:[6]) runde, ca. 20mm im Durchmesser messende Pappscheiben, aus Spielkarten ausgestanzt. Es werden auch Spielkarten mit entsprechenden Löchern gefunden.

Die Scheiben sind mit dem Radionuklid Jod-125 kontaminiert und produzieren eine Ortsdosisleistung von 200 µSv/h beim direkten Auflegen (vermutlich aufs Messgerät) - bereits in wenigen Zentimetern Entfernung nimmt diese stark ab. In einem halben Meter Entfernung ist nichts mehr messbar. Jod-125 hat eine Halbwertszeit von 60 Tagen und wird in der Nuklearmedizin (Schilddrüsenuntersuchungen) verwendet.

Die Polizei vermutet, dass die Spielkarten zum Zwecke des Spielbetruges radioaktiv markiert wurden. Über einen verdeckt am Körper zu tragenden Detektor (vielleicht ähnlich 'Wolke 005') könnten sich Spieler einen Vorteil verschaffen. Welche Spiele genau von den zumeist asiatischen Spielern gespielt wurden, ist unklar.

Fast jeder der Artikel liest sich so, als hätte das Ausstanzen der runden Scheiben irgendetwas mit der Markierung oder dem Betrug zu tun. Das ist aber m.M.n. nicht so - wie in Casinos werden immermal neue Kartenspiele ausgepackt und die alten geschreddert oder die Ecken abgeschnitten oder anderweitig unbrauchbar gemacht - damit Betrüger sie nicht nocheinmal benutzen.

Die Polizei ermittelt fast ein Jahr lang intensiv die Herkunft des Mülls (u.a. über den Tourenplan des Müllfahrzeugs und einen Tip) und so gerät im November 2017 das  Asia-"Pacific-Center" in Berlin-Lichtenfeld in den Fokus, wo ein vietnamesisches Restaurant, ein Club, eine Karaoke-Bar und eine Wohnung untersucht werden und dabei weitere 13 radioaktiv kontaminierte Spielkarten(-stücke) gefunden wurden. Dabei wird gegen die 41-jährige vietnamesische Restaurantbesitzerin wegen Freisetzung ionisierender Strahlung (§311 StGB) ermittelt.

Zu weiteren auftauchenden Fragen, wie Strafverfolgung/Verurteilung oder Quelle des Nuklids habe ich keine Berichte gefunden.

Es sind auch grobe Fehler in den Berichten, z.B. dass das Jod-125 als Tinktur zum Desinfizieren benutzt würde (mal fix "Jod" gegoogelt?) oder dass die Strahlung 8-fach über dem Normalwert gelegen hätte (an anderer Stelle steht richtigerweise: "über der Absperrgrenze").


Interessant bleibt die Feststellung, dass zwar in einem halben Meter Entfernung keine erhöhte ODL mehr messbar war, der Detektor in Rüdersdorf aber zwei Pappschnipsel in einem Müllauto bemerkt hat.
« Letzte Änderung: 16. Juli 2019, 08:12 von DG0MG »

DL3HRT

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Ich habe mal auf folgender Seite mit den Eingabeparametern gespielt: Strahlungsrechner
  • Nuklid: I-125
  • Aktivität: 0.6 MBq

Ergebnisse für  Hp(10) und unterschiedliche Distanzen zur Quelle:
  • 1 cm: 198 µSv/h
  • 50cm: 0.08 µSv/h
Das gilt natürlich nur für Punktquellen, zeigt aber die Verhältnisse bei Vergrößerung der Distanz.




DG0MG

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Ahaa, in diesem Video werden die ausgeschnittenen Kreise anders erklärt und durchaus ergibt das einen Sinn: Die Scheiben sind die eigentlichen Spielobjekte und das Spiel läuft eher wie ein Würfelspiel ab:




Man sieht auch die Einfahrt der Müllverbrennungsanlage.