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Autor Thema: Radiumfarbe, Leuchtfarbe  (Gelesen 194 mal)

DG0MG

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Radiumfarbe, Leuchtfarbe
« am: 08. August 2019, 18:00 »
Da diesen Thread irgendwann sicher auch besorgte Mütter finden werden, muss man erstmal ganz kategorisch unterscheiden:

Es gibt Leuchtfarbe und Nachleuchtfarbe (Aber nicht: Nachtleuchtfarbe).

Nachleuchtfarbe



.. neudeutsch auch "glow-in-the-dark" genannt, ist nicht radioaktiv!
Man kann grob sagen, darunter zählt alles das, was man erst mit einer Lichtquelle (Tageslicht, Taschenlampe) "aufladen" muss, damit es eine gewisse Zeit leuchtet. Das Leuchten wird nach einiger Zeit wieder schwächer - der Vorgang heisst Phosphoreszenz. Beispiele dafür sind Notausgangsschilder in öffentlichen Gebäuden, die Ziffern und Zeiger vieler (nicht aller!) aktueller Analoguhren, Markierungen an Treppenstufen, Orientierungslinien an Bunkerwänden oder Schmuck- und Dekorationsgegenstände. Es gibt sogar 'Glow-in-the-Dark'-Fenstermalfarbe für Kinder. Die verantwortlichen Stoffe sind Metallsalze: Zink-, Calcium-, Barium-, Strontiumverbindungen.

Leuchtfarbe



.. ist dann alles das, was "von allein" leuchtet - früher meist Radiumfarbe und deshalb radioaktiv. Dazu gehören ältere Uhrenzeiger und -zifferblätter, militärische Instrumentenskalen oder -schalter (oft in Panzern und Flugzeugen), die Nachtvisierpunkte von Waffen. Ob die Messkreuzbeleuchtung in Militärferngläsern auch dazugehört, müsste man diskutieren. Bei Radiumfarbe ist auf jeden Fall äußerste Vorsicht walten zu lassen, insbesondere eine Verschleppung durch die Hände auf Speisen oder Aufnahme in die Atemwege über Staub ist unbedingt zu vermeiden!
Bei älteren Weckern ist das deutlich zu sehen: Die Farbe, mit der die Ziffern ausgemalt sind, wird mit den Jahren bröselig und blättert ab. Solche Zeiger, Zifferblätter oder Instrumentenskalen (bekanntermaßen durchaus Sammelobjekte) gehören mindestens in eine Zip-Tüte und sind aus dieser auch nicht mehr herauszunehmen. Die Farben bestehen aus einem Radiumsalz, das mit einer floureszierenden Substanz vermischt ist.
Heutzutage gibt es "Betalights", kleine Glasröhrchen, die mit dem Beta-Strahler Tritium gefüllt sind, verwendet in Uhren oder "immerleuchtenden" Schlüsselanhängern. Diese sind auch radioaktiv, das Gefährdungspotential ist aber eher gering.


« Letzte Änderung: 13. August 2019, 13:10 von DG0MG »

DG0MG

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Re: Radiumfarbe, Leuchtfarbe
« Antwort #1 am: 13. August 2019, 13:22 »
Der Grund, diesen Thread anzufangen, war eigentlich dieser Artikel:


"Wir treten durch die Stahltür, dahinter gibt es kein Licht. Taschenlampen flackern auf. Im schwachen Schein zieht die Gruppe weiter in ein labyrinthartiges Gewirr von Gängen. Niko Rollmann richtet seine Lampe auf eine Stelle an der Wand und schaltet sie dann aus. In der Dunkelheit ist ein phosphoreszierendes Glimmen zu sehen. Es sind Reste der schwach radioaktiven Leuchtfarbe, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammt, aus der Zeit, als das Gewölbe als Luftschutzkeller diente.

Mirko Heinemann / Das Berlin Buch 2007 (zitty)
"

Ich bin ziemlich sicher, dass diese Farbe NICHT radioaktiv ist, es sich also um Nachleuchtfarbe handelt. Ein Bunkerfreund hat an anderer Stelle in Berlin, wo ebenfalls eine mehrere Quadratmeter große leuchtende Wand in einem Bunkerzugang ist, mal gemessen und konnte auch nichts feststellen.

Es geht ja eigentlich nur um das eine Wort "radioaktiv", aber ich hoffe nicht, dass das in Berlin bei Unterwelten-Führungen so erzählt wird. Solche Kleinigkeiten bleiben bei den Besuchern leicht "hängen" und schwups ist alles nachleuchtende dann auch radioaktiv.

DG0MG

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Re: Radiumfarbe, Leuchtfarbe
« Antwort #2 am: 05. September 2019, 17:58 »
Wenn man bei Laien das Thema Radiumfarbe anschneidet, dann ist erstaunlicherweise die Kenntnis um die Geschichte der "Radium-Girls", recht weit verbreitet. In den 20er Jahren wurden die Ziffern in Skalen von Frauen ausgemalt, die zum Anspitzen des Pinsels diesen mit der Zunge benetzten. Das führte zu schweren Erkrankungen und Tumoren.

Ein Markennamen für Radium-Farbe, die in Uhren und Instrumentenskalen verwendet wurde, war

"Undark", ein Produkt der "US Radium Corporation".

Der Spiegel hat den "Radium-Girls" einen umfangreichen Artikel samt Fotostrecke gewidmet:


Offenbar wurden damals weitere, aus heutiger Sicht noch viel schlimmere Untaten begangen: Die Zähne oder gar den ganzen Körper mit Radiumfarbe zu bemalen.