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Autor Thema: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain  (Gelesen 211 mal)

DG0MG

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Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« am: 13. September 2020, 19:57 »
Wenn man von Crimmitschau nach Zwickau fährt, kommt etwa auf halber Strecke das Dorf Dänkritz. In diesem zweigt die "Dänkritzer Straße" nach links Richtung Lauenhain ab.


Wie schon mehrmals bin ich darauf aufmerksam geworden, als ich vor längerer Zeit dort lang fuhr und der "Radiation Pager", den ich am Gürtel hatte, anschlug. "Muss ich irgendwann mal näher untersuchen" .. Das hab ich jetzt gemacht.

Und zwar folgendermaßen:
Die Sonde POLON SGB-3P mit 6x SBM-19 Zählrohren ins Auto in den Fußbereich des Beifahrers gelegt und die Sonde mit einer AS622-Elektronik samt GPS-Modul und Datenlogger verbunden. Dann bin ich die ca. 2 km mit ca. 20 km/h hin und wieder zurück gefahren. Tatsächlich ergibt das sekundengenaue loggen eine schöne Verteilung, die man mit dem GPS-Visualizer auch prima in ein KMZ für Google-Earth konvertieren kann - im Anhang zu finden.

Die Nullrate der Sonde ist "unterwegs" geringer, als bei mir zu Hause, es werden auf unbelasteten Straßen etwa 5 ips gemessen.
Auf der hier untersuchten Straße steigt die Zählrate dann bis auf 36 ips, also ungefähr auf das 7fache. Nun habe ich zwar keine kalibrierte Dosisleistungsanzeige, aber man kann diese überschlägig per Dreisatz: 5 ips / 0,15 µSv/h = 36 ips / x µSv/h zu etwa 1 µSv/h bestimmen. Der evtl. vorhandene Beta-Anteil dürfte durch das Bodenblech des Autos abgehalten und vernachlässigbar sein. 1 µSv/h klingt nicht sehr viel, aber nicht vergessen, dass die Messung durch eine Ortsmittelung bei ~20 km/h und 1 Sekunde Messzeit zustande kam.

Steigt man dann aus und läuft im besonders aktiven Teil mal auf und ab, sieht das auch anders aus: Es lassen sich problemlos kleine Hotspots mit 30, 40, ja 70 µSv/h ausmachen. Da diese jedoch sehr punktförmig erscheinen, liegt die Vermutung nahe, dass nict nur der Schotterunterbau, sondern vielleicht sogar der Teerbelag mit WISMUT-Haldenmaterial generiert wurde.

Bei der Recherche findet sich, dass der Umweltaktivist Michael Beleites in seiner Schrift "Altlast Wismut" [1] bereits diese Straße benennt: ".. zwischen Dänkritz und Fernverkehrsstraße B 93 über Lauenhain (über einige Kilometer Länge)" und sich dabei auf einen "J. Krause, 1989" bezieht. Das ist also seit mehr als 30 Jahren bekannt.




[1] Michael Beleites: Altlast Wismut "Ausnahmezustand, Umweltkatastrophe und das Sanierungsproblem im deutschen Uranbergbau", Frankfurt a.M. 1992, 174 S.
PDF: https://www.wise-uranium.org/pdf/aw.pdf

Henri

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #1 am: 13. September 2020, 22:21 »
70 µSv/h? Ist ja Wahnsinn!

Normale Kupferschlacke ist das ganz sicher nicht mehr. Da hat man vielleicht 1 µSv/h.

Tjaaa... noch mal nen kleinen Besuch mit dem Gammaspektrometer machen? Vielleicht gibt es ja doch noch ne Extra-Überraschung. Es gab schon Fälle, wo die Asphaltwalze das nuklidbetriebene Dickenmessgerät versehentlich mit eingewalzt hat...  :-\

Eigentlich müsste man das absperren - wenn man sein Wohnmobil über dem 70µSv/h Hotspot parkt und dann dort ein Jahr lang wohnt, hat man 613 mSv "getankt". Oder anders gesagt: in 14 Stunden hat man sein mSv voll, das man als nicht beruflich strahlenexponierte Person im Jahr dazubekommen dürfte.

NoLi

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #2 am: 13. September 2020, 22:29 »
Sieht aus wie Wismut-Haldenmaterial, vermischt mit Teer, um selbigen einzusparen.

Gruß
Norbert

Henri

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #3 am: 13. September 2020, 23:01 »
Aus den Kupferschlacke-Steinen haben sich die Leute früher auch ganze Gartenlauben gebaut, weil die so günstig zu bekommen waren  ;D

Hauptsache billig. War früher so, ist heute so.

DL3HRT

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #4 am: 14. September 2020, 07:13 »
DG0MG und NoLi haben schon Recht, das dürfte eindeutig Wismutschotter sein. Kupferschlacke kommt in der Regel nur in Form gegossener Steine vor und in der hiesigen Gegend wurden mehrere Millionen Tonnen Schotter von der Halde in Crossen im Straßenbau verwendet.

Bisher kannte ich das nur für den Unterbau. Da haben die Hotspots durch die Schwarzdecke hindurch maximal 10 .. 15 µSv/h erreicht. Bei 70 µSv/h tippe ich auch darauf, dass der Split aus Haldenmaterial besteht. Allerdings ungewöhnlich, dass die Straße bis heute gehalten haben soll.

Zugpferd

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #5 am: 14. September 2020, 07:21 »
70uSv/h?
Wow, ich glaub selbst wenn ich den gesamten Inhalt meines Bleischranks vors Zählrohr bekommen würde schaffe ich keine 70uSv/h, das ist ja ordentlich...
Zum Messen habt ihr da unten auf jeden Fall...

DL3HRT

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #6 am: 14. September 2020, 08:33 »
Das Ganze lässt sich einfach erklären. Man hat das Material der Bergehalden zu Schotter verarbeitet und zum großen Teil im Straßenbau verwendet. Da waren halt immer noch einige Brocken Pechblende dabei, mal mehr und mal weniger.

Schau einfach mal hier: http://www.geigerzaehlerforum.de/index.php/topic,26.msg57.html#msg57

Das ist ein besonders krasser Fall da nur geschottert wurde und es keine Abdeckung gab. Da das Straßenstück mittlerweile von einigen Leute besucht wurde gehe ich davon aus, dass schon mehrere Kilogramm Pechblende dort gefunden wurden. Und das nur oberflächlich in max. 5 cm Tiefe. Da kann man abschätzen, wieviel Pechblende in dem gesamten Unterbau steckt.

Und nun muss man sich vorstellen, dass ganze Straßen dieses Material als Unterbau bekommen haben. Außerhalb von Ortschaften schert sich leider niemand darum und innerhalb von Ortschaften scheitert es oft an den Kosten. Die Wismut GmbH ist für die Entsorgung dieses Materials nämlich nicht verantwortlich und die Deponiekosten sind nicht ganz ohne.

Zugpferd

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #7 am: 14. September 2020, 13:44 »
Trotzdem irre...
ich habe mir mal ein richtig guten Klumpen auf einer Mineralien Börse gekauft, Scheinbar besteht das Ding völlig aus Pechblende und nicht noch Stein drumherum (evtl. raus präpariert ? Jedenfalls ist eine Seite komplett glatt geschliffen worden. Der damalige Verkäufer sagte auch sowas findet man nie wieder, weil heutzutage niemand mehr sowas schleifen würde...
das Ding ist mit Abstand mein stärkster Strahler und erreicht mit meinem AD6150E 45µSv/h...
Da frag ich mich echt was muss da auf der, nagut, in der Straße liegen?

Zugpferd

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #8 am: 14. September 2020, 13:59 »
Foto

DL3HRT

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #9 am: 14. September 2020, 17:02 »
Zitat
ich habe mir mal ein richtig guten Klumpen auf einer Mineralien Börse gekauft, Scheinbar besteht das Ding völlig aus Pechblende und nicht noch Stein drumherum (evtl. raus präpariert ? Jedenfalls ist eine Seite komplett glatt geschliffen worden. Der damalige Verkäufer sagte auch sowas findet man nie wieder, weil heutzutage niemand mehr sowas schleifen würde...
das Ding ist mit Abstand mein stärkster Strahler und erreicht mit meinem AD6150E 45µSv/h...
Da frag ich mich echt was muss da auf der, nagut, in der Straße liegen?
Dein Klumpen ist nicht sehr groß. Ich hoffe, du musstest nicht allzuviel dafür bezahlen. 45 µSv/h bei aufgesetztem Detektor sieht man bei kleinen Stücken recht häufig. Du kannst ja mal die Dichte des Brockens bestimmen. Daraus lässt sich dann sehr einfach der Urangehalt abschätzen.

Ich habe vorhin spaßeshalber das Fundstück #3 meines ersten Ausflugs zum "Staßendreieck" vor das FH40F2 gelegt (siehe Foto). Fundstück #3 lag nur knapp unterhalb der Oberfläche. Das macht die Sache ja so gefährlich. Irgendjemand findet dann einen "schweren Stein" und nimmt ihn mit nach Hause...

In unserer Gegend liegt auf jeden Fall reichlich Pechblende unter den Straßen. Leider gibt es kein umfassendes Verzeichnis über die betroffenen Straßen. Der Schotter wurde als Baumaterial an Baufirmen abgegeben. Die haben kein Buch darüber geführt, wo welches Material eingebaut wurde. Deshalb stellen wir die Straßen hier auch immer vor. Es sind aber meist Zufallsentdeckungen.

Die von dg0mg gefunden Hotspots zeigen, dass auch in der Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain größere Pechblendestücke verbaut wurden. Die größte Aktivität kann man in der Regel an brüchigen und rissigen Stellen in der Schwarzdecke messen. Dort kommen es zur Radonausgasung und die gammastrahlenden Tochernuklide Blei-214 und Bismut-214 sind stärker zu messen.

Zugpferd

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #10 am: 14. September 2020, 17:28 »
Wow...

Sagt mal wenn das Abfall war, mit welchen Aktivitäten muss man denn rechnen wenn es Material war welches als brauchbar angesehen wurde? Die gleiche nur eben weniger nicht aktives Material, oder haben die abgebauten eine höhere Reinheit oder so?

Zugpferd

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #11 am: 14. September 2020, 17:40 »
Das war noch zu DM Zeiten. Ich habe in meinem Büchlein notiert 99DM
War damals mit FH40T unterwegs, mit dem schrecklichen Kopfhörer und Sondenkabel im Ärmel :) Achja und Taschentuch im Ohr, weil die Knackse immer zu laut waren.
Wobei der Verkäufer selbst einen Geiegrzähler dabei hatte und mich auch messen liess. War dieser rot/orange schwarze ABX.

Mit Steinen kenne ich mich noch immer nicht aus, hatte damals meine Tante begleitet mit der ich bei ihr immer Kristallzucht betrieb...

Ich glaub ich muss mal zu euch In den Osten ...

DG0JN

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #12 am: 14. September 2020, 17:45 »
Übrigens zu "Altlast Wismut":

Aus der Bachstraße in Oberrothenbach ist inzwischen der Bachsteig in Zwickau durch Eingemeindung geworden.
Ob es den geschotterten Platz gegenüber Haus Nr. 7 noch gibt und ob der noch strahlt, habe ich noch nicht geprüft.

DL3HRT

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #13 am: 14. September 2020, 18:05 »
Zitat
Sagt mal wenn das Abfall war, mit welchen Aktivitäten muss man denn rechnen wenn es Material war welches als brauchbar angesehen wurde? Die gleiche nur eben weniger nicht aktives Material, oder haben die abgebauten eine höhere Reinheit oder so?
Natürlich sollte solches Material niemals auf eine Halde geschüttet werden.

Sagen wir es einmal so: Das ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis  ;)

DG0MG

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Re: Straße zwischen Dänkritz und Lauenhain
« Antwort #14 am: 14. September 2020, 19:34 »
Sagt mal wenn das Abfall war, mit welchen Aktivitäten muss man denn rechnen wenn es Material war welches als brauchbar angesehen wurde? Die gleiche nur eben weniger nicht aktives Material, oder haben die abgebauten eine höhere Reinheit oder so?

Nun, es gibt schon Geschichten von Kindskopfgroßen reinen Pechblende-Stufen mit Mausaugen (Blasenerz), aber die große Masse war das nicht. Das was auf den Straßen liegt, ist im Prinzip bei der Aufbereitung "durchgerutscht" oder große Mengen als nicht aufbereitungswürdig gleich auf Halde gekippt worden. Der große Teil der in Westsachsen und Ostthüringen im Straßenbau verwendeten Schottermengen dürfte wohl aus Crossen (bei Zwickau) stammen. Dort war mal eine Papierfabrik, auf deren Gelände nach dem Krieg (1951) dann mit der "Fabrik 38" eine Erzaufbereitung der WISMUT entstand. Dorthin wurde das abgebaute Erz verschiedener "Qualität" von überall her per Bahn hingefahren. Zwickau selbst war ja eher nicht Zentrum des Uranabbaus.

Michael Beleites schreibt dazu in [1]:
"Neben einigen Wismut-eigenen Steinbrüchen bei Aue wurde in den vergangenen Jahrzehnten
(bis 1990) ausgerechnet die Crossener Halde wieder »abgebaut«, und das Material zu Bauzwecken
verwendet. Dieses Material ist nur deshalb nicht an Ort und Stelle im Erzgebirge auf
Halde gekippt worden, weil es einen so hohen Urangehalt aufweist, daß man seine Aufbereitung
in Crossen für möglich gehalten und es deshalb dorthin transportiert hatte. Erst nach einer
weiteren Selektion in Crossen wurde dieses Material auf die dortige Halde gekippt. Zum Teil
handelt es sich hierbei auch um Rückstände der gravitativen Aufbereitung. Das Crossener
Haldenmaterial weist das 2,5- bis 5-fache der Strahlung anderer Halden auf. Darüber hinaus
finden sich hier zahlreiche stark strahlende einzelne Steine. Von den insgesamt 16,3 Mio. t in
Crossen aufgeschütteten Haldenmaterials, wurden bis 1990 12 Mio. t wieder abgefahren und in
der Umgebung »verbaut« (STEAG, 1990), oft ohne Kontrolle von Einbaubeschränkungen. Für
1 Millionen Tonnen fehlt jeder Verwendungsnachweis.
"