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Autor Thema: WISMUT-Kunst  (Gelesen 277 mal)

DG0MG

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WISMUT-Kunst
« am: 07. März 2019, 10:46 »
Das in der gestrigen ECHT-Dokumentation mehrfach gezeigte sozialistische Wandbild ist durchaus was Besonderes:

~ ~ ~

Sozialistische Kunst kann auch ziemlich herausragend daherkommen   ;D



Ein Wandbild mit besonderer Geschichte:

Gemalt in einer Größe von 12 x 16 Metern von Werner Petzold, enthüllt 1974 am Bürogebäude des Wismut-Bergbaubetriebes Paitzdorf, wurde es dort 2006 vor dem Abriss wieder abgebaut, restauriert und als größtes freistehendes Bild mitten in freier Landschaft erneut aufgestellt - natürlich nicht diskussionslos.



Vor dem Bild sind 5 Tafeln aufgestellt, deren Text ich hier mal wiedergebe:


Löbichau 2009

Weg damit! Weg damit, ruft alles in mir.
Weg damit in den Keller!
Weg mit der Wand und weg mit dem Bild!
Aus dem Weg, Geschichte! Her mit dem schönen Leben!
Her mit der Zukunft, wie ich sie will!


Ein solches Bild regt auf, es erregt die Gemüter, es ist eine Anfechtung inmitten der Zeit. Man könnte das Gras über diese Geschichte wachsen lassen - Man könnte das Bild ins Archiv stellen, ein Wandbild ohne Wand. Aber wohin führt das Vergessen? Wer Bilder wie dieses ins Archiv verbannt für einen reibungsloseren Ablauf seines Lebens, wer lieber vergessen will, was so tiefe Wunden in Menschen und Natur geschlagen hat, wer nur ruft: Her mit der Zukunft, wie ich sie will - der findet in diesem Bild sein Spiegelbild.
Gerade dieses empörende, verstörend heroische Bild einer ganz und gar unheroischen Zeit schärft den Blick für die Kulissen des heutigen Heldentums und Zukunftsstrebens. Es fragt erneut: Denkst du, du wärest Herr über Leben und Tod, über Raum und Zeit, über Weltall, Erde, Mensch? Es fragt erneut: Wo ist solche Arbeit, die Hand in Hand geht, wo die Grenzen fließend sind zwischen oben und unten? Gibt es wirklich einen Fortschritt in der Gesellschaft? Wo male ich denn nach Zahlen, erfülle Aufträge, halte den Mund, schwimme mit dem Strom der Zeit? Wann habe ich denn zwischen 1945 und 1989 meinen Mund aufgemacht gegen ein Regime, das solche Bilder malen ließ? Wo bin ich denn gewesen, um meines Bruders Hüter zu sein?


Entgrenzung.
Nicht nur gegen sich selbst.
Grenzenlos dieser monumentale Irrtum.
Als wäre der Mensch Herr über Leben und Tod; als läge Weltall, Erde,
Mensch in seinen Händen! Grenzenlos, dieser Wahn,
grenzenlos dieses Bild, bar jeder Wirklichkeit, als hätt' es
das jemals gegeben: ein Miteinander leben und weben, als
greife da ein Rad ins andere, ohne, dass einer darunter zerbricht!


Der Auftraggeber des Bildes: Die SDAG Wismut hatte Grenzen - inmitten einer Gesellschaft, die alle Grenzen überwinden wollte, waren dem Betrieb Grenzen gesetzt, nicht nur in künstlerischer Hinsicht durch Vorgaben des Staates in Bezug auf die Kunst. Der Betrieb hatte Grenzen - war ausgegrenzt aund abgegrenzt von der übrigen DDR. Dem Zugriff der DDR-Regierung entzogen - nur scheinbar konnte die DDR-Regierung in Belangen des Betriebes mitreden, nur scheinbar gab es in diesem Betrieb alles, nur scheinbar mangelte es diesem Betrieb weder an Arbeitsmaterial noch an Geld. Blickt man hinter die Kulissen, wird deutlich, dass dieser Betrieb ein Zwangs-Betrieb war. Entstanden im Zuge des 2. Weltkriegs, erbrachte die SDAG Wismut Reparationsleistungen der DDR an die UdSSR in Form von Uranlieferungen. Ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt wurde das Uran zu Tage gefördert. Nach außen hin lautete die Parole: "Wir fördern für den Frieden". Gefördert wurde das Uran allerdings für das Wettrüsten zwischen der UdSSR und der USA.
Ab den 1960er Jahren kam zur Parole des Friedens die der friedlichen Nutzung der Atomenergie hinzu. Erste Konzepte zur Energiegewinnung aus der Kernspaltung lagen vor. In der DDR entstanden die ersten Kernkraftwerke, ganz Europa befand sich in einer Euphorie. Man glaubte mit der Kernenergie nun endlich die Lösung für alle Energieprobleme gefunden zu haben. Dieser Umstand kam der DDR zupass, verschleierte er doch, dass die SDAG Wismut weiterhin den größten Teil des Urans für das Wettrüsten der Großmächte im Kalten Krieg lieferte.


Wer malt die Toten?
Wer malt mir die Verstrahlten und wer mir den Krebs,
der zwischen den Farben wuchert?
Wer malt mir das kleine Wort: Es tut mir leid?
Wer malt mir mein Leben in dieser kunterbunten Propaganda?

Zahlreiche Bergleute ließen ihr Leben oder starben an den Folgen des Abbaus, der besonders in den Anfangsjahren ohn Rücksicht auf die Gesundheit der Begleute betrieben wurde. Es war ein Raubbau an Mensch und Naturohne Gleichen. Insbesondere der Umstand, dass die SDAG Wismut Moskau unterstand, hat in den Anfangsjahren dazu geführt, dass Warnhinweise zur radonbelasteten Grubenluft und Erkenntnisse über die "Schneeberger Krankheit" im bergbau missachtet wurden.
Was in den Bergämtern der DDR beachtet wurde, fand in der SAG/SDAG Wismut keine Beachtung. Jeder wusste davon, keiner sprach darüber. Zufrieden gestellt und abgespeist mit hohen Löhnen, Vergütungen und einem hohen Grad an Kollegialität, akzeptierten auch die Arbeiter dieses Tabu und verzichteten auf Kritik. Keiner wollte in die Hand beißen, die ihn krank fütterte - weder die DDR-Regierung noch die Arbeiter vor Ort.
Angesichts der Trockenbohrungen, mit denen zu Beginn der Wismut gearbeitet wurde, kam es zu einer erhöhten Zahl von Bronchialkarzinomen unter den Arbeitern der Wismut. 1991 lagen 5237 anerkannte Fälle von Bronchialkarzinomen vor - 5237 zerstörte Menschen, Familien, Lebensgeschichten ... und keiner weiß um jene, die noch daran erkranken werden.


Gemalt, was das zeug hielt. -
Gemalt, was der Politik Stand hielt!
Gemalt, wie er die Welt sieht!?
Gemalt, wofür er Geld erhielt!
Gemalt, was die Zeit nicht enthielt!
Gemalt, was mit der Zeit vergeht!?


Sozialistischer Realismus - das war der Traum der DDR-Regierung, mit Bildern die Wirklichkeit zu gestalten, Ein-Druck zu machen aufs Denken und Leben der Leute. Das war der Versuch, auch mit Bildern zu sagen, was das Ziel sozialistischen Lebens und Arbeitens war- Der Staat protegierte nur Kunst und Künstler, die diesem Ziel entsprachen. Wer in der DDR von Kunst leben wollte, hatte eines zu beachten: Gewünscht war keine realistische Darstellung, sondern eine realistische Darstellung des Sozialismus. Wer dem nicht entsprach, konnte von seiner Kunst nicht leben. Nicht jeder Künstler ging konsequent seinen eigenen Weg, malte gegen das regime an, ging offenen Augesin die Existenz eines Hungerkünstlers. Viele arrangierten sich mit dem Staat - so auch Petzold, der von dem leben wollte, was ihn am Leben erhielt: Kunst. Petzold wurde, was so viele in der DDR geworden sind: ein Auftragskünstler.


"Für mich ist das alles Geschichte. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn es zerstört worden wäre, sozusagen als Rache des Volkes für all das, was die da oben den Leuten angetan haben."

"Es ist einfach ein Traum für einen Künstler, solch eine Wand gestalten zu dürfen."
(Werner Petzold, 15. August 2008)

Zwei Sätze zu ein und demselben Bild,
zwei Sätze des Künstlers Werner Petzold zu seinem Bild

"Friedliche Nutzung der Atomenergie"

Werner Petzold

Petzold (geb. 1940) wird 1970 der SDAG Wismut in Paitzdorf als Künstler zugeteilt. Er geht mit untertage, lernt die Welt und die Menschen kennen. Täglich geht er am Hauptgebäude des bergbaubetriebes vorbei. Er sieht die leere Wand des Hauptgebäudes und beschließt: Diese Wand will ich gestalten. Die ersten Entwürfe entstehen und werden wiederholt einer 15köpfigen Kommission der SDAG Wismut vorgestellt. 1972-1974 erarbeitet Petzold zusammen mit dem Mitarbeiter Wolfgang Siegenbruk in einer neuen Maltechnik das Wandbild auf Emaille. Im März 1974 nimmt eine Kommission der SDAG Wismut das Bild ab und am 25. Jahrestag der DDR wird es in einem Festakt feierlich enthüllt. Für Petzold ist ein Traum wahr geworden mitten in einer albtraumhaften Gesellschaft.


http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/102024
http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1252220156821
http://www.sz-online.de/nachrichten/kultur/monumentale-leihgabe-1935624.html
http://www.amazon.de/Friedliche-Nutzung-Atomenergie-Dokumentation-Wandbild/dp/393794060X
http://www.altenburgerland.de/sixcms/detail.php?id=116172&_lang=de&_css_template=altenburgerland_css





Die Fotos sind von 2015.