Atom: Büros der Uni Wien verstrahlt .

Begonnen von NoLi, 05. August 2022, 22:35

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Werte befanden sich im Bereich strahlenexponierter Berufe. Informations-GAU rund um universitäres Fortbildungszentrum in der Porzellangasse in Wien-Alsergrund.
vom 15.04.2013, 18:14 Uhr | Update: 16.04.2013, 14:43 Uhr

Bettina Figl

Wien. Wo bis vor kurzem Uni-Mitarbeiter an ihren Bildschirmen saßen, Seminare abhielten und bezüglich E-Learning beraten wurde, strahlt es. Im "Teaching and Learning Center" in der Porzellangasse 33a wanderte vor hundert Jahren Radium über den Ladentisch. Und mit dem radioaktiven Material wurde recht unsorgsam hantiert, es soll mindestens einen Unfall gegeben haben.

Über die nukleare Geschichte ihrer Arbeitsplätze gegenüber dem Liechtensteinpark in Wien-Alsergrund erfuhren die Uni-Mitarbeiter per E-Mail: Am 26. September 2012 wurden sie informiert, dass an ihren Arbeitsplätzen erhöhte radioaktive Strahlenwerte gemessen wurden. Entdeckt hatte dies Alexander Stolar durch "puren Zufall", so der Sachverständige für Strahlenschutz zur "Wiener Zeitung". Mit seinem Kollegen Christoph Denk hatte er Messungen vor dem Haus durchgeführt, das Buch "Der strahlende Doppeladler" hatte sie auf die Idee gebracht. In diesem schreibt Joseph Braunbeck über das k.u.k. Montanverkaufsamt. Es ist ein Briefwechsel nachlesbar, in dem der "Hochwohlgeborene Medizinalrat Fritz Dautwitz" beauftragt wird, "alle wertvollen Radiumzwischenprodukte nach Wien zu bringen und sie im deutschösterreichischen Staatsamte für öffentliche Arbeiten abzugeben" - just in jenen Räumlichkeiten, die bis vor kurzem von der Uni Wien genutzt wurden. Spuren des regen Radiumhandels gibt es bis heute. Denk und Stolar wurden bereits an der Außenmauer fündig, als die Uni-Büros ebenfalls erhöhte Werte aufwiesen, meldeten sie das der Polizei. Die Uni Wien reagierte prompt, ließ die Büros noch im September räumen und beauftragte die Prüfstelle für Strahlenschutz in Seibersdorf, Messungen durchzuführen.

1996 schrieb Braunbeck bereits von der Radium-Verkaufsstelle.

Diese ergaben, dass sich die Werte zweier Büros zwischen sechs und 20 Millisievert (der gesetzlichen Obergrenze für Menschen in strahlenexponierten Berufen) bewegten. Die Belastung der Normalbevölkerung liegt bei einem Millisievert pro Jahr, exklusive Röntgenuntersuchungen. Da nachträglich schwer eruierbar ist, wo sich die Mitarbeiter in den Räumen aufhielten, wurde bei den Messungen ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor von 50 Prozent berücksichtigt. Die Strahlenbelastung in Kellern im Waldviertel sei aufgrund radioaktiven Gesteins gleich hoch, so Andreas Musilek vom Atominstitut der TU Wien. Häufiges Lüften würde das Radon, das sich in den Kellern ebenso wie in den ehemaligen Uni-Büros in der Luft befindet, verringern. Er betont: Viele Menschen seien höheren Strahlenbelastungen ausgesetzt, etwa Piloten: "Ein Flug nach Tokio entspricht einer Belastung von 0,2 Millisievert."

"Wir wollen nicht die Parias des Atomzeitalters werden"

Doch Piloten ist ihre Belastung bekannt, wie alle beruflich strahlenexponierte Personen werden sie mittels Dosimeter überwacht, medizinisch betreut und erhalten eine Strahlengefährdungszulage. Die 24 fixen Mitarbeiter in der Porzellangasse bekamen nichts davon. Niemand wusste von der Geschichte des Hauses, das die Uni seit 2003 mietete, hunderte Mitarbeiter und Studierende gingen über die Jahre ein und aus.

Für viele Mitarbeiter war es ein Schock, als sie von der Verstrahlung erfuhren, heute sagt einer von ihnen: "Dieses Thema lässt einen nicht mehr los." Zwölf von ihnen haben sich zusammengeschlossen, per E-Mail-Verteiler tauschen sie sich aus. Ihre Namen wollen sie nicht verraten: "Wir wollen nicht die Parias des Atomzeitalters werden. Bei Strahlung gibt es große Berührungsängste, ich kenne das", so eine Betroffene. Sie kritisieren die Informationspolitik der Universitätsleitung: "Es gab drei Veranstaltungen und es wurde nur ein Teil der Fragen beantwortet", so ein Vorwurf. Aus dem Rektorat der Uni Wien klingt das ganz anders: Es habe mehrere Aussendungen und Veranstaltungen gegeben, man habe medizinische bis hin zu juristischen Fragen beantwortet. Laut den Betroffenen sollen jedoch Informationen zurückgehalten und Gespräche verweigert worden sein. Obskures Detail: Eine Informationsveranstaltung fand im Marietta-Blau-Saal statt, deren Namensgeberin nach jahrelangem ungeschütztem Arbeiten mit radioaktiven Substanzen an Krebs gestorben ist.

"Kein Rückschluss
auf Krankheiten"

Die Strahlenbelastung der Atomphysikerin ist sicher nicht mit den erhöhten Werten in der Porzellangasse zu vergleichen, denn bei Radioaktivität gilt das Prinzip "je geringer, desto besser". Die Betroffenen berichten von "auffällig vielen Krankenständen" und teils schweren Krankheiten bei Mitarbeitern, die kaum älter als 30 Jahre alt sind. Wie ist die gesundheitliche Gefahr bei Strahlenbelastungen in diesen Ausmaßen einzuschätzen? Krankheiten können nicht auf die Strahlenbelastung zurückgeführt werden - auszuschließen seien sie aber auch nicht, sagt Atomphysiker Musilek, und zieht ein Beispiel heran: "Wenn Sie rauchen, ist die Chance, dass sie Lungenkrebs bekommen höher, als wenn sie nicht rauchen. Wenn Sie eine Zigarette rauchen, ist die Chance, an Krebs zu erkranken ziemlich gering - aber es ist auch nicht auszuschließen."

Die Sprecherin der Uni Wien gibt in einer schriftlichen Stellungnahme Entwarnung: "Aufgrund der Ergebnisse der Messungen besteht kein erhöhtes Risiko. Die Untersuchungen der Mitarbeiter ergaben, dass keinerlei strahleninduzierte Schäden feststellbar sind."

Der medizinischen Check im AKH wurde von der Universität bezahlt, trotzdem gibt es Kritik von den Betroffenen: Die "Standarduntersuchung, die weniger genau war als eine Gesundenuntersuchung" diente der Feststellung, ob die Uni-Mitarbeiter zur Arbeit in strahlenexponierter Umgebung geeignet seien - über den spezifischen Fall in der Porzellangasse sei das AKH nicht informiert gewesen. Und die Ergebnisse gingen zuerst an die Uni, dann an die Patienten. "Ein Lapsus", so der Vorsitzende des Allgemeinen Betriebsrats der Uni Wien. Die Gruppe der zwölf Mitarbeiter fühlt sich vom Betriebsrat schlecht vertreten. "Die Uni ist selbst ein Opfer", sagt ihr Vorsitzender auf Nachfrage, "wir wollen nicht, dass die Leute aus den Löchern kommen, weil sie Geld für sich wittern", und schließlich schreibt er in einem E-Mail: "Es war schwierig, eine schlüssige Bewertung des Betroffenheitsgrades von einzelnen Mitarbeitern zu erlangen - manche fühlen sich betroffen, wenn sie nur einmal vorbei gingen."

Die Universität betont, ihr sei "keinerlei schuldhaftes Verhalten anzulasten", will aber den Betroffenen Ausgleichszahlungen zukommen lassen - eine "Geste des guten Willens", heißt es in einem weiteren E-Mail. Hätte eine offizielle Stellungnahme der Uni dem Kommunikations-Wirrwarr vorgebeugt? "Wir haben überlegt. Aber eine Presseaussendung hätte nichts geändert", so die Uni-Sprecherin. Man habe die Informationen auch aus Rücksicht auf die Betroffenen zurückgehalten, teilweise sei die Uni darum gebeten worden, "das Ganze auf sich ruhen zu lassen", und der Betriebsrats-Vorsitzende räumt ein: "Im Umgang mit der Fürsorgepflicht würde man vielleicht aus heutiger Sicht einige Dinge anders kommunizieren und handhaben."

Auch das Goethe-Denkmal soll verstrahlt sein

Braunbecks Buch erschien vor 17 Jahren, noch bevor sich die Uni in der Porzellangasse einmietete. Zuvor war es Eigentum des Bundes. "Für die Gefahr hat sich niemand interessiert", sagt der Autor heute, dessen Buch durch das Wissenschaftsministerium gefördert wurde. Wird die Uni nun weitere Büros auf etwaige Altlasten untersuchen? "Das ist ein lokales Phänomen und hat mit der Universität gar nichts zu tun", sagt die Uni-Sprecherin.

Nichts mit der Uni zu tun hat jedenfalls das Goethe-Denkmal in Wien, das laut Braunbecks Ausführungen ebenfalls radioaktiv sein soll. Zeit für ergiebige Nachforschungen bleibt laut dem Historiker noch: Erst im Jahr 4000 werden die Strahlungen um die Hälfte abgeklungen sein.  <<<

Norbert