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Autor Thema: Bleiburg bauen?  (Gelesen 2810 mal)

Henri

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Re: Re: AUTOMESS 6150 AD6/E
« Antwort #30 am: 11. Oktober 2020, 01:20 »
Heftiger Job, dieser Havariemeister. Der hat sicherlich alles gründlichst x-fach immer wieder an Simulatoren geübt, aber wenn es dann ernst werden sollte, hat er sicherlich auch Schweißperlen auf der Stirn und Schnappatmung und möchte lieber ganz weit weg sein. Ähnliche Stufe, wie alte Fliegerbomben entschärfen, würde ich sagen. Gut, dass man ihn nie gebraucht hat und er nun seine Rente genießen kann...

Ich bin vor einiger Zeit mal über einen Unfallbericht gestolpert, wo man eine alte, sehr starke Quelle wohl zur Verschrottung bringen wollte und dafür was absägen musste. Blöderweise war die Dokumentation falsch. Sie dachten, sie sägen im Haltestab, statt dessen waren sie schon in der Umkapselung... Auf einmal gingen dann die Alarme los... War auch nicht in einer mobilen Heißzelle, sondern "open air", weil ja niemand damit gerechnet hatte, dass was schief gehen könnte. Hab ganz vergessen, wie die Geschichte ausgegangen ist (ich glaube, mehrere Gebäude kontaminiert und eines dauerhaft nicht mehr verwendbar), aber das war sicherlich auch eine Situation, wo sich einige Leute gewünscht haben, nie geboren worden zu sein  8)

DG0MG

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #31 am: 05. August 2021, 21:36 »
Ich habe mir jetzt von ebay auch mal 30 kg Blei besorgt, vermutlich ist das derselbe Händler, wie die Klötzer von
wrdmstr inc. aus Beitrag #9.
37 kleine Barren mit den Maßen 100 x 35 x 20 mm, nicht sonderlich passgenau, aber dafür noch bezahlbar und man spart sich das rumsauen mit Gasbrenner, Gießtiegel und Formen.

Einen fetten Bleiblock um den RadiaCode gebaut, senkt dessen Impulsrate auf 0,25 cps.


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DG0MG

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #32 am: 06. August 2021, 21:26 »
Mit einem kleinen Unterbau aus Spanplattenresten (noch vom ersten Versuch hier: https://www.geigerzaehlerforum.de/index.php/topic,647.msg7324.html#msg7324), die ein Loch haben, lässt sich aus den Blöcken eine Abschirmung in Marinelli-Anordnung [1] aufstellen. Ziel soll sein, dass das Messgut den Messkopf ALLSEITIG umgibt. Damit man auch die Abschirmung von oben ordentlich schließen kann, muss der Messkopf von UNTEN in das Messgut ragen. Der Radiacode ragt also unten etwas aus der Bleiabschirmung heraus, damit sich der CsJ-Kristall etwa in der Mitte des Messvolumens befindet.
Natürlich ginge das auch in einer seitlichen Ausführung , aber dann hält die Schwerkraft das Messgut nicht so schön in der Umhüllung und mit Flüssigkeiten messen wirds gar nichts.

Zum Vergleich mal die sekündlichen Impulsraten des RadiaCode-101, samt Prozentwerten:

  • außerhalb der Bleiburg        : 12.30 cps    100%
  • in der Bleiburg, Deckel offen :  1.88 cps     15%
  • in der Bleiburg, Deckel drauf :  0.31 cps      2.5%


[1] https://orau.org/health-physics-museum/collection/miscellaneous/beakers.html
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DG0MG

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #33 am: 07. August 2021, 13:13 »
Und jetzt kann man erst einmal 24 Stunden ein Spektrum mit leerer Abschirmung und geschlossenem Deckel aufnehmen und dann eine Plastiktüte mit 100g getrockneten Pilzen aus dem bayerischen Wald hineinlegen, die Abschirmung wieder verschließen und erneut 24 Stunden spektrometrieren.

Es ergibt sich deutlich sichtbar, dass die Pilze Cs-137 enthalten.

Nun wäre die Frage, ob es möglich ist, daraus wenigstens einen ungefähren Wert in Bq/kg Cs-137 abzuschätzen. 100g Trockenmasse sind ja schonmal ungefähr 1 kg Frischpilze. Theoretisch steht diese Aufgabenstellung ja auch für den Jäger und sein Wildschweinfleisch. Ich stelle mir vor, dass man die Impulse in einer gewissen Breite (FWHM?) um die Cs-137 Linie nimmt und das Ergebnis mit einer Referenzprobe bekannter Aktivität vergleicht. Wie geht man da genau vor?

Nächster Schritt könnte sein, das Spektrum in BecqMoni oder Interspec zu importieren, deshalb habe ich das Spektrum in Textform ebenfalls angehangen.
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NoLi

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #34 am: 07. August 2021, 16:00 »
Nun wäre die Frage, ob es möglich ist, daraus wenigstens einen ungefähren Wert in Bq/kg Cs-137 abzuschätzen. 

Erster Schritt: mal bei Prof. Henning v. Philipsborn (Uni Regensburg) nachfragen, ob er noch Gras-Pellets mit bekannter spezifischer Cs-137-Aktivität vom ersten Allgäuer Grasschnitt 1986 hat und ein paar davon zur Kalibrierung ausleihen (oder gar abgeben) könnte.
https://www.uni-regensburg.de/physik/philipsborn/startseite/index.html

Zweiter Schritt: wenn erster Schritt ja, dann zur Abschirmung geeigneten Marinelli-Becher besorgen:
https://www.nuvia-instruments.de/downloads/SEA_Marinelli-Becher_deutsch.pdf
https://www.leybold-shop.de/55988.html
http://www.habbg.de/index-Dateien/Page483.htm

Messanordnung kalibrieren, Dichteunterschiede beachten.

Für nicht getrocknete Lebensmittel gibt es für den Becquerel-Monitor LB-200 einen Cs-137 Kontrollstrahler (< Freigrenze), bestehend aus einem Marinelli-Becher mit Silikonfüllung.
Der Bayerische Jagdverband unterhält eine ganze Reihe von Aktivitätsmessstationen für Wildbret; diese sind behördlich anerkannt und müssen zur Qualitätskontrolle regelmäßig Kalibrierungen mit dem Marinelli-Kontrollstrahler durchführen. Eventuell könntest Du auch mit so einer Messstation einen entsprechenden Termin vereinbaren. Beispiele hier: 
https://jaeger-ei.de/2021/04/23/radiocaesium-unsere-jaegerschaft-fuer-sicheren-wildbretgenuss/
https://jaeger-ei.de/2019/05/23/hochwertig-schmackhaft-und-sicher-fleisch-vom-heimischen-wild/
http://www.bjv-neumarkt.de/bjv/wp-content/uploads/2018/01/MOHR-RadiumCaesiumMessstation.pdf

Gruß
Norbert




DG0MG

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #35 am: 07. August 2021, 16:25 »
Der Prüfstrahler für den LB200 ist ein wichtiger Hinweis für die Zukunft.

Meine Frage zielte aber erstmal auf "noch eher" als Punkt eins. Wie komme ich denn jetzt in der beschriebenen Anordnung praktisch auf einen Zahlenwert, mit dem ich Proben untereinander bzgl. des Cs-Gehaltes vergleichen kann? Dazu muss man wahrscheinlich die Feinheiten in den verschiedenen Spektrometrie-Programmen kennen?

Im zweiten Spektrum hat ja der Cs-137-Peak eine Höhe zwischen 494 und 740 Impulsen - siehe beschriftung der Y-Achse. Wenn man mit der "Lupe" draufgeht, ist das Maximum des Cs-Berges bei 611 Impulsen. Aber eignet sich diese eine Zahl jetzt zum Vergleichen? Oder müsste man mehrere nebeneinanderliegende Kanäle addieren und diese vergleichen?
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NoLi

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #36 am: 07. August 2021, 17:05 »
Üblichererweise nimmt man zur Aktivitätsbestimmung in der Gammaspektrometrie die Peak-Halbwertsbreiten und bestimmt darin das Impulsintegral.

Gruß
Norbert

NoLi

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #37 am: 07. August 2021, 22:27 »
Hier ergänzend die Messvorschrift des Bayerischen Landesamt für Umwelt -LfU- für den Bayerischen Jagdverband:

https://www.bjv-ffb.de/wp-content/uploads/2020/08/Merkblatt-Radio-C%C3%A4sium-Messung.pdf

Gruß
Norbert

Prospektor

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #38 am: 08. August 2021, 12:21 »


Meine Frage zielte aber erstmal auf "noch eher" als Punkt eins. Wie komme ich denn jetzt in der beschriebenen Anordnung praktisch auf einen Zahlenwert, mit dem ich Proben untereinander bzgl. des Cs-Gehaltes vergleichen kann? Dazu muss man wahrscheinlich die Feinheiten in den verschiedenen Spektrometrie-Programmen kennen?


Ich habe ja für die unterschiedlichen Proben vom KIT etwas ähnliches gemacht, allerdings mit einem 2,5" NaI-Setup.
Wenn Du eine Referenzprobe mit bekannter Aktivität hast, ist das schon mal ein guter Start. Allerdings sollten deine Vergleichsproben wirklich auch eine vergleichbare Matrix (Dichte!) haben. Je nach Nuklid handelt man sich sonst schon deutliche Fehler durch Selbstabsorption etc. ein. Es ist wirklich essentiell die Messgeometrie konstant zu halten. Das geht am einfachsten mit Marinelli-Bechern. Ich habe damals keine Marinelli-Geometrie genommen, aber durch ein fest fixierbares Probengefäß vor der Sonde mit konstantem Volumen eine gut vergleichbare Messgeometrie erzeugt. Auch alle anderen Messparameter wie Temperatur sollte man möglichst gleich halten. Wichtig ist natürlich auch, wenn Du auf der y-Achse die Anz. der Pulse hast, dass Deine Messzeiten konstant sind.

Zur Auswertung: Ich würde Dir hier zur Freeware Interspec raten, was einem viele Parameter im Zuge der automatischen Peak-Erkennung/-fitting ausspuckt (FWHM, netto-Fläche, "Fehler"). Hier muss man dann natürlich schauen, was man vergleicht bzw. ob man den Hintergrund vorher schon abgezogen hat.
Insgesamt liefert dieses Vorgehen gute Resultate. Wenn man allerdings mal ein wenig "Validierung" betreibt, d.h. die Messungen an unterschiedlichen Tagen wiederholt und ein wenig statistisch auf das Thema schaut, sieht man dass auch hier schon recht große Unsicherheiten im Bereich von 10% auftreten können. Und trotzdem hat sich bei mir das automatische Peak-fitting dem manuellen Vorgehen als überlegen herausgestellt.

NoLi

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Re: Bleiburg bauen?
« Antwort #39 am: 12. August 2021, 16:43 »
Habe ich gerade gefunden...falls das Gerät in der Bleiburg auf Cs-137 kalibriert werden soll:

https://www.uni-regensburg.de/physik/philipsborn/radiometrisches-seminar-und-labor/index.html

Letzter Satz:
" Im Messbedarfsfall für Cs-137 in Lebensmitteln können Kalibrierstrahler in verschiedener Messgeometrie nach bewährtem Verfahren hergestellt und mit Zertifikat versehen kurzfristig geliefert werden.
aus:Universität Regensburg: Anwendungsorientrierte Forschung 2019/20 "

Und weiter oben:
" Oktober 2011 veranstaltete das Radiometrische Seminar die erste öffentliche und gebührenfreie Ringvergleichsmessung für Cs-137 in Lebensmitteln mit 35 namhaften Teilnehmern von amtlichen Messstellen, Hochschulen, Behörden und Firmen. Die selbstgefertigten schwachaktiven  Referenzstrahler enthalten in Gießharz südbayerisches Graspulver von 1986, das in Form von Pellets aufbewahrt wurde. "


Über die Qualität dieser Referenzstrahler siehe diesen Artikel aus dem Jahr 2012 der Uni Regensburg:
https://www.uni-regensburg.de/pressearchiv/pressemitteilung/231489.html

"  Bereit für den Messbedarfsfall

Cäsium-137: Öffentliche Ringvergleichsmessung abgeschlossen

Pressemitteilung vom 19. November 2012

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat der Welt die Gefahren von Kernenergie und Radioaktivität vor Augen geführt. Sie hat auch die Frage aufgeworfen, ob in Europa überhaupt genügend Kapazitäten bereit stehen, um im Unglücksfall qualifizierte Messungen von radioaktiven Stoffen durchführen zu können. Das Radiometrische Seminar der Universität Regensburg hat aus diesem Grund eine erste öffentliche und gebührenfreie Ringvergleichsmessung für das Radionuklid Cäsium-137 in Lebensmitteln durchgeführt. 35 Institute, Hochschulen und Analyselabore aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg – darunter auch amtliche Messstellen wie die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) oder das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) – nahmen teil. Die Ergebnisse bestätigen den Bedarf von solchen Ringvergleichsmessungen, aber auch die Qualität der neuen Referenzstrahler, die vom Radiometrischen Seminar der Universität hergestellt wurden.

Voraussetzung für eine Ringvergleichsmessung sind geeignete und kostengünstige Referenzstrahler, die zur Kalibrierung sowie zu Überprüfung der einzelnen Messungen verwendet werden können. Die Preise für kommerzielle Referenzstrahler belaufen sich auf 2.000 bis 4.000 Euro. Prof. Dr. Henning von Philipsborn vom Radiometrischen Seminar hatte 1987 von der Bayerischen Landesversuchsanstalt für Tierzucht in Grub Pellets aus südbayerischem Gras des Vorjahres erhalten und diese 24 Jahre aufbewahrt. Südbayern war 1986 stärker als andere Teile Deutschlands vom Tschernobyl-Fallout betroffen. Die Graspellets wurden zerkleinert, gesiebt, gemessen und dann mit Gießharz vermengt. Von Philipsborn füllte die Mischungen auf kleine Standarddosen ab, die wiederum mehrfach gemessen wurden. Die Dosen wurden schließlich an die Teilnehmer der Ringvergleichsmessung versandt.

Nach Rücksendung der Referenzstrahler mit den Ergebnissen an die Universität Regensburg wurden die Daten ausgewertet. Die Hälfte der Teilnehmer hatte signifikant zu niedrige Messergebnisse und somit eine mögliche Gefahr unterschätzt. Dies ist aufgrund der radiologischen Bedeutung von Cäsium-137 bedenklich, zeigt aber auch die Notwendigkeit von Ringvergleichsmessungen in diesem Bereich. Gerade vor dem Hintergrund, dass in letzter Zeit auch bei amtlichen Messstellen Personal und Geld für solche Maßnahmen knapp geworden ist.

Alle Teilnehmer an der Regensburger Ringvergleichsmessung erhielten daraufhin die „richtigen“ Ergebnisse von Seiten des Radiometrischen Seminars. Diese stimmten mit den Messwerten des BfS und der PTB – den beiden höchstangesehenen Leitmessstellen Deutschlands – exakt überein. Dies bestätigt die Qualität der Referenzstrahler, die vom Radiometrischen Seminar hergestellt wurden. Neben dem geringen Raumbedarf für Rückstellproben oder dem einfachen Versand liefern die Regensburger Referenzstrahler also auch absolut genaue Ergebnisse.

Die Einzelheiten zur Ringvergleichsmessung sind in der Zeitschrift „StrahlenschutzPraxis“ (Heft 3/2012, S. 60-64) veröffentlicht worden. Erste Anmeldungen für eine zweite Ringvergleichsmessung in den Jahren 2013 und 2014 sind schon in Regensburg eingegangen.


Ansprechpartner:
Prof. Dr. Henning von Philipsborn
Universität Regensburg
Radiometrisches Seminar
Tel.: 0941 943-2481
Henning.Philipsborn@physik.uni-regensburg.de

Alexander Schlaak - 19.11.2012 12:48 "

Einfach mal anfragen.

Gruß
Norbert