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Autor Thema: Technik des MfS: "Wolke 005"  (Gelesen 4169 mal)

DG0MG

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #15 am: 14. Oktober 2020, 14:14 »
Kann man daraus - oder aus der anderswo mehrfach angegebenen Aktivität von 850 µCurie abschätzen, wieviel Impulse ein SBM-20 Zählrohr dabei (theoretisch) in 2 cm Abstand liefern würde (praktisch wäre es wahrscheinlich total überfahren)?

So, jetzt nochmal zu dieser Frage - die Antwort ist ganz einfach.
Das Mfs gibt selber an: In 2 cm Entfernung 1,4 R/h. Das sind 1400 mR/h.
Ein SBM-20 hat eine Empfindlichkeit von 22 ips/mR/h.
Macht multipliziert 1400 mR/h x 22 ips/mR/h = 30.800 ips.
30.800 Impulse pro Sekunde! - wenn es Co-60 wäre.
Die würde das Zählrohr natürlich aufgrund der Totzeit nie liefern können, aber das war ja schon in der Fragestellung klar.


Rechnen wir nochmal die Dosisleistungen in den angegebenen Entfernungen bei der Aktivität von 850 µCi (31.45 MBq !) nach. Dazu verwenden wir den Strahlungsrechner, den ich in JavaScript programmiert habe: http://strahlungsrechner.geigerzaehlerforum.de/. Das Isotop Fe-59 ist dabei mit einer Dosisleistungskonstante von 168 (μSv x m2)/(h x GBq) hinterlegt. Das ist weniger als halb soviel, wie das oben zu Vereinfachung angenommene Co-60 mit 350.


       |   MfS-Angabe   | Strahlungsrechner
-------+----------------+-------------------
 2 cm  |    1,4 R/h     |     13,2 mSv/h
 5 cm  |    0,2 R/h     |      2,1 mSv/h
30 cm  |      6 mR/h    |       59 µSv/h
60 cm  |    1,5 mR/h    |       15 µSv/h
 2 m   |     -          |      1,3 µSv/h
 5 m   |     -          |     0,21 µSv/h


Man sieht, die MfS-Angaben stimmen gut mit den gerechneten Werten überein, wenn man mit 1 R/h = 10 mSv/h umrechnet. Die Werte in einer "gängigen" Einheit µSv/h lassen sich auch besser einschätzen, als die etwas "abstrakten" Zahlen bei mR/h, geht mir zumindest so.
Das MfS wollte das Vorhandensein der Stecknadel auf bis zu 5 Meter Entfernung detektieren, das könnte bei 0,21 µSv/h gerade noch gehen, wenn da aber noch eine oder zwei Ziegelwände dazwischen sind (aus dem Treppenhaus gemessen!), wird das wohl kaum noch zu einer sicheren Detektion bzw. ja/nein-Aussage gereicht haben.
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DG0MG

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #16 am: 15. Oktober 2020, 21:19 »
Heh, Leute guggt mal, ich hab was entdeckt!  :o

Schon vor knapp zwei Jahren in Antwort #2 war mir aufgefallen, dass an der Stirnseite des "Wolke-005"-Detektors "ON" und "OFF" steht. Das ist für ein DDR-Produkt immerhin ungewöhnlich - sofern es nicht für den Export bestimmt war. Das war dieses Produkt nun ja ganz bestimmt nicht. Dass es aber bereits etwas Kommerzielles war, das für den Einsatzzweck umgebaut wurde, auf diese Idee bin ich gar nicht gekommen, weil so ein bissl selbst gebastelt und DDR-like sieht das ja schon aus.

Gestern fiel mir auf dem Foto plötzlich dieser elegante, im Profil abgerundete Rahmen um das Analoginstrument auf. Den hatte ich doch schonmal irgendwo .. Heute hab ichs gefunden. Das Gerät ist aus kanadischer Produktion:
"Universal Radiation Meter Modell No. 1700" der Firma Nuclear Enterprises, schätzungsweise Mitte der 60er Jahre. Ich habe dieses Gerät schon eine Weile in Besitz, mich jedoch nicht weiter drum gekümmert, da der Szintillator entweder fehlt oder nur ganz klein/flach ist.

Der polnische "Anonymous Dosimetrist" hat auch eins, zwar in besserem Zustand, bemängelt aber ebenfalls die geringe Empfindlichkeit:


Auf dem MfS-Foto sieht man unterhalb der "ON/OFF"-Beschriftung auch etwas zugeklebtes - offenbar sollte das Original-Typenschild nicht mit aufs Foto. Der OTS hat die Stromversorgung umgebaut und nach außen verlegt und eine Ansteuerung für den Vibrationsmotor hinzugefügt. Das Kabel kommt dort heraus, wo vorher der Schalter war. Darunter ist das Batteriefach. Dahinein ist dann vielleicht eine kleine Subplatine für die Relaisansteuerung gekommen. Ob das Gerät vielleicht auch vom Werk her mit einem größeren Szintillationskristall zu haben war oder ob der auch "umgefummelt" wurde, ist nicht erkennbar.



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Henri

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #17 am: 15. Oktober 2020, 21:40 »

Auf dem MfS-Foto sieht man unterhalb der "ON/OFF"-Beschriftung auch etwas zugeklebtes - offenbar sollte das Original-Typenschild nicht mit aufs Foto.

Kann ich gut verstehen, das wäre denen dann auch wirklich zu peinlich gewesen  ;D

Henri

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #18 am: 15. Oktober 2020, 21:48 »
Das hat aber ne schicke logarithmische Anzeige. Das ist doch ziemlich klasse! Und außerdem eine Kappe mit Schraubgewinde vor dem PMT, Du kannst Dir also, wenn Du möchtest, einen Kristall beliebiger Größe dort anflanschen. Ist doch ein tolles Gerät! Dank der Skala in cpm und dem sehr großen Anzeigebereich hat man da alle Möglichkeiten.


Allerdings gibt es auf der verlinkten Webseite ein Bild mit einem Stromstecker, aus dem zwei ultradünne Käbelchen kommen, die, so wie es aussieht, ich bekomme meinen Mund gar nicht mehr zu, in ein kleines Steckerlein (!) münden, dass dann im Gerät verschwindet? Vielleicht war das ja das Mittel, um den MfS-Agenten, der bei seinem Einsatz möglicherweise zu viel gesehen hat, unauffällig loszuwerden ("Ah, der Akku ist alle! Da íst ja ein Ladekabel bei, laden Sie das Gerät doch bitte noch wieder voll, bevor Sie es uns zurückbringen, ja?")  :o

DG0MG

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #19 am: 15. Oktober 2020, 22:15 »
Nein, das dünne Käbelchen hat in Polen jemand nachträglich eingebaut, um eingebaute Akkus zu laden. Es wurde auf 4x AA umgebaut, die originale Stromversorgung sind zwei andere Zellen parallel.
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NoLi

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #20 am: 15. Oktober 2020, 23:48 »
Mir ist noch was anderes aufgefallen: der kleine graue Aufkleber "C.NE.3" ist eine interne Inventar-Nummer des zentralen Strahlenschutzdienstes des damaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe, heute KIT.

Das bedeutet, dass dieses Gerät für empfindliche Strahlungsmessungen offenbar seinerzeit weit verbreitet war. Daher ist es wahrscheinlich, dass der kanadische Hersteller Nuclear Enterprises auch auf der Einkaufsliste des MfS stand.

Gruß
Norbert

DG0MG

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #21 am: 16. Oktober 2020, 11:14 »
Auf dem MfS-Foto sieht man unterhalb der "ON/OFF"-Beschriftung auch etwas zugeklebtes - offenbar sollte das Original-Typenschild nicht mit aufs Foto.
Kann ich gut verstehen, das wäre denen dann auch wirklich zu peinlich gewesen  ;D

Ich weiß nicht so recht, denen war eigentlich nichts peinlich. z.B. waren in der Funkaufklärung portable Empfänger von Rohde&Schwarz, Peiler von Telefunken und Spektrumanalysatoren von HP gängig. Wahrscheinlich war die Intention, den Klassenfeind mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen.
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Henri

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #22 am: 16. Oktober 2020, 17:10 »
Wahrscheinlich war die Intention, den Klassenfeind mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen.

Ah! Das ist clever  ;D

DG0MG

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #23 am: 28. Januar 2021, 10:19 »
Heute schreibt das "NEUE DEUTSCHLAND":


Ein Artikel über eine Autobiographie eines Mitarbeiters des OTS beim MfS, der neben Dokumentenfälschungen auch an der radioaktiven Markierung beteiligt war.

"Innerhalb der Abteilung 34, in der Pelzl arbeitete, habe man, wie es in einer Untersuchung von Mitarbeitern des Stasi-Archivs heißt, auftragsgemäß drei Methoden zur Markierung von Personen und Gegenständen unter Verwendung von Radionukliden entwickeln sollen: selbstklebende Plastefolie, radioaktive Stecknadeln und verspritzbare radioaktive Flüssigkeiten. "

Das Buch wird auch auf Amazon rezensiert, allerdings ist dort der Tenor, dass trotz der 500 Seiten von der Arbeit im OTS zu wenig zu lesen ist. Nun, ich werds mal bestellen, und mir selbst ein Bild machen.

Günter Pelzl
Der Fälscher
Als Forscher im Operativ-Technischen Sektor des MfS
ca. 448 Seiten, 12,5 × 21 cm · Broschur
19,99 €
ISBN 978-3958411142
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DG0MG

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #24 am: 03. März 2021, 15:35 »
So, ich habe das Buch gelesen, 525 Seiten.

Für eine Bewertung kann man von zwei Seiten herangehen, die Ergebnisse sind extrem unterschiedlich:

Der Herr Pelzl schreibt sehr schön. Flüssig und extrem kurzweilig. Niemals langweilig. Von seiner Kindheit, der Schule, Reiseabenteuern während des Studiums und Meinungsverschiedenheiten mit Funktionären. Man staunt, welche feinen Details von Vorgängen er zu berichten hat und grübelt darüber, dass man selber wohl nicht mehr wüsste, wie ein Essen auf einem Teller vor mehreren Jahrzehnten aussah. Oftmals liegt einem beim Lesen ein Lächeln auf den Lippen, weil er Vorgänge beschreibt, die man aus eigener Erinnerung an die DDR-Zeit ähnlich oder gar genauso kennt - z.B. das Herstellen von Grünen Klößen oder das Herumstromern auf dem Schrottplatz oder das Einfrieren der auf halber Treppe liegenden Toilette. Von der Arbeit beim MfS leider nicht viel und davon das meiste beginnend mit der Wende im November 1989. Aber gut, das hat auch keiner versprochen - es ist ja eine Autobiografie. Der auf der Buchrückseite beschriebene  "tiefe Einblick" in sein Leben (und nicht in das MfS) ist jedenfalls vorhanden. Die Frage ist also maximal: Hat man Interesse für die Biographie fremder Leute?

Und zum anderen: Die Rezension (soll es überhaupt eine sein?) von Helmut Müller-Enbergs im "Neuen Deutschland" (oben verlinkt) als Anlass für mein Aufmerksamwerden und den Kauf des Buches:
In zwei Dritteln des Rezensionstextes geht es um radioaktive Markierung, grob um das Projekt "Wolke". Ich weiß nicht, wieso der Herr Enbergs das so ausführlich auswalzt, es hat mit dem Inhalt des Buches so gut wie ÜBERHAUPT NICHTS zu tun. Dass der OTS daran arbeitete, stimmt. Dass Pelzl beim OTS arbeitete, stimmt auch. Aber warum muss das in eine Rezension zu einem Buch in dem es - wenn überhaupt - eher um Geheimschriften, Stempelfarbe, die Herstellung von Dokumentenpapier und des "fälschungssicheren Personalausweises" geht? Offenbar hat er nur in das Inhaltsverzeichnis geschaut und dort im 16. Kapitel (auf Seite 321, weit nach der Mitte des Buches) das Wort "radioaktiv" gelesen und sofort reflexartig "Pelzl = radioaktiv" gesetzt. Das ist extrem befremdlich. Sollte gar das "radioaktiv" unberechtigterweise irgendwie den Verkauf des Buches fördern, dann halte ich das für "ziemlich unangebracht" - um keine Fäkalsprache zu verwenden. Ich werde die beiden halben Seiten, die sich um das Thema drehen, als Scan anfügen (Herr Pelzl und der Verlag werden mir das sicher verzeihen).

Letzendlich bleibt für mich das augenzwinkernde, etwas pampige Resümee:
Es hat sich in 30 Jahren nichts geändert - was das "ND" schreibt, darf man nicht ungeprüft glauben.
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DL3HRT

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #25 am: 03. März 2021, 16:32 »
Du bist mir zuvorgekommen. Ich bin mit dem Buch letzte Woche fertig geworden und wollte eigentlich etwas dazu schreiben. Das hat sich jetzt erübrigt, denn ich kann mich deiner Einschätzung voll und ganz anschließen.

Nicht konform gehe ich mit den Aussagen im Buch, dass man sich immer unterhalb internationaler Grenzwerte bewegt hat. Es kommt natürlich darauf an, welche Grenzwerte man zugrunde legt  ;)

NoLi

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #26 am: 03. März 2021, 18:02 »
Nicht konform gehe ich mit den Aussagen im Buch, dass man sich immer unterhalb internationaler Grenzwerte bewegt hat. Es kommt natürlich darauf an, welche Grenzwerte man zugrunde legt  ;)

Das kommt darauf an, welche Seite man betrachtet: Anwender oder Ausgewählte.
Beim Anwender mag die Einhaltung von Grenzwerten gegeben gewesen sein, beim "Auserwählten" sollte eine Dosis von 400 mSv möglichst nicht überschritten werden.
In der Praxis blieb die Dosis deutlich niedriger, bewegte sich meistens aber trotzdem noch im mSv-Bereich.

Gruß
Norbert

ThomasS

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #27 am: 03. März 2021, 18:11 »
So, ich habe das Buch gelesen, 525 Seiten.

Danke, habe mir fast gedacht dass die bisherigen Bewertungen auf Amazon zu positiv sind.
Ich würde an Deiner Stelle noch ein copy-paste (ohne den ND Teil) in eine neue Amazon Rezension setzen, allerdings nicht mit 5 Sternen - des Gleichgewicht wegen :D ;)

Die Autobiographie ist wahrscheinlich die 721. Version eines Stasioffiziers zum Thema "Mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz für den Frieden". Kenne ich.
"Price is only an issue in the absence of value" - W. Buffett

DG0MG

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #28 am: 05. März 2021, 19:07 »
Wen das Thema "Wolke" interessiert, der lade sich dieses 148seitige PDF herunter, das einen erheblich umfangreicheren Einblick in die "Bedienunganleitungen" für die Einsatzmittel des MfS gibt, als es der kleine Ausschnitt in der Stasi-Mediathek tut:


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ThomasS

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Re: Technik des MfS: "Wolke 005"
« Antwort #29 am: 05. März 2021, 19:12 »
Many Thanks!
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