Andere radioaktive Leuchtstoffe für Uhrzeiger als Radium und Tritium

Begonnen von DL8BCN, 16. September 2023, 13:16

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DL8BCN

Hallo, mir ist im Sinn, daß es auch noch andere radioaktive Leuchtstoffe für Uhrzeiger gab als Radium und später Tritium.
Welche Stoffe wurden dort noch verwendet?
Ich habe gerade 4 alte Wecker aus einer Onlineanzeige bekommen, von denen zwei radioaktiv sind und zwei nicht.
Ich werde später eine Gammaspektroskopie machen.
Um es spannend zu machen...
Hier ein Bild von den nicht radioaktiven Weckern.
Kienzle und ruhla:
Witzig ist, die nicht radioaktiven laufen noch und die anderen beiden nicht.
Ist aber auch logisch, die strahlenden sind natürlich älter😊

Gruß, Rainer

NoLi

Diese zwei Wecker enthalten phosphoreszierenze Leuchtkristalle OHNE radioaktiven Zusatz. "Aufladung" zum Leuchten mit Licht.

Es gab Ende 1950er Jahre/Anfang 1960er Jahre in Frankreich und der Schweiz parallel zur Radiumverwendung kurzzeitig Uhren und Wecker mit Am-241, Np-237 und Sr-90 sowie Ra-226/Sr-90 Mischungen (letzteres z.B. Fa. JAZ, Colmar).
Die eingesetzten Sr-90 Aktivitäten mußten aber zur Erreichung einer ähnlichen Leuchtdichte wie bei hochwertigen Ra-226 Uhren so hoch sein, dass eine Gesundheitsgefährdung mit der Zeit nicht ausgeschlossen werden konnte.
Die ROLEX GMT-Master aus dieser Zeit erzeugte eine Dosisleistung über dem Glas von 500 mSv/Tag Beta, am rückseitigen Gehäuse durch Bremsstrahlung immerhin noch 5 mSv/Tag Gamma. Diese Uhr wurde in den USA auf Anordnung der Atomic Energy Commission AEC von den Behörden beschlagnahmt (soweit sie noch in Geschäften verfügbar und Kunden bekannt waren). In Europa oder Deutschland  :unknw:

Norbert

AdoCulos

Die Uhrenhersteller hatten und haben ein umfangreiches Repertoire an Stoffen zur Herstellung von Leuchteffekten auf Zeigern und Zifferblättern:

"...Als Leuchtstoffe werden häufig Zinksulfid sowie andere Salze der Erdalkalimetalle und ihrer Nebengruppenelemente verwendet. Schon früh entdeckten Wissenschaftler, dass mit Kupfer, Kobalt oder anderen Schwermetallen angereicherte Sulfide der Erdalkalimetalle und vor allem des Zinks eine breite Palette von Lumineszenz-Erscheinungen bieten..."

Quelle:
https://www.watchtime.net/uhren-wissen/superluminova-oder-warum-uhren-im-dunkeln-leuchten/#leuchtmittel

Lennart

Zitat von: NoLi am 16. September 2023, 14:52Die ROLEX GMT-Master aus dieser Zeit erzeugte eine Dosisleistung über dem Glas von 500 mSv/Tag Beta, am rückseitigen Gehäuse durch Bremsstrahlung immerhin noch 5 mSv/Tag Gamma.

:o  :o  :o

"Herr Juwelier, können Sie mir so eine noch beschaffen?"

Da stand wahrscheinlich nicht T Swiss Made T auf dem Ziffernblatt, sondern Sr90 Swiss Made Sr90  :D

Hier sieht man die "Rückrufaktion" für die Sr-90 Modelle:

https://italianwatchspotter.com/rolex-gmt-master-part-one/?lang=en

DL8BCN

Hier nun die Auflösung des Rätsels Teil 1:
Der eine radioaktive Wecker ist ein Junghans Bivox siehe Bild.
Mein Graetz X5Cplus zeigt 0,75 μSv/h außen am Glas.
Der RC102 zeigt 1,25 μSv/ und der Radex RD-1008 ebenfalls denselben Wert.
Der RC102 mit 10mm Plexi als Betaschirm zeigt 0,65 bis 0,70 μSv/h.
Also alles absolut plausibel👍

DL8BCN

Der andere Wecker ist ein Diehl.
Der scheint noch etwas älter zu sein und hat folgende Messwerte:
Graetz X5Cplus: 0,7 μSv/h (ohne Plexischirm)
RC102 mit Plexischirm 10mm : ebenfalls 0,7μSv/h.
Also ich denke inzwischen, daß der RadiaCode 102/101 wirklich realistische Messwerte zeigt😎
Also ans Bett neben meinem Kopf werde ich beide Wecker nicht stellen😂

DL8BCN

@ Lennart: So eine Rolex möchte man wohl mit unserem Hintergrundwissen nicht täglich am Handgelenk tragen🙈

NoLi

Zitat von: DL8BCN am 16. September 2023, 17:03...
Also ans Bett neben meinem Kopf werde ich beide Wecker nicht stellen😂
Wieso nicht? Zwei Ohren, zwei Wecker... :)
Beide sind sehr schön aussehende Exemplare, vor allem der Silberne von Diehl. Funktionieren sie noch?

Norbert

Lennart

Zitat von: DL8BCN am 16. September 2023, 18:07@ Lennart: So eine Rolex möchte man wohl mit unserem Hintergrundwissen nicht täglich am Handgelenk tragen🙈

Klar, da hast Du vollkommen recht. Stell Dir vor Du haust die Uhr versehentlich gegen steinernes Mauerwerk...

Die Macken bekommt man nicht mehr weg!  :D

DL8BCN

4 Stück für zusammen 20 Euros , da kann man wohl nicht meckern. ;D
Und ja, ich habe alle wieder zum laufen bekommen.
Zerlegt, damit das Uhrwerk entnommen werden kann.
Bei den radioaktiven mit FFP3 Maske und Handschuhen :rtfm:
Dann das ganze ins Ultraschallbad😊
Meistens ist es nur verharztes Fett.
Bei einem hatte sich ein aufgepresstes Zahnrad von der Welle gelöst.
Und viele haben Probleme mit der Hemmung der Unruh.
Also man muss nicht unbedingt Uhrmacher sein, um solche Uhrwerke zu reparieren.
Ein Funkamateur reicht aus😂

Oliver

Zitat von: NoLi am 16. September 2023, 14:52Diese zwei Wecker enthalten phosphoreszierenze Leuchtkristalle OHNE radioaktiven Zusatz. "Aufladung" zum Leuchten mit Licht.

Es gab Ende 1950er Jahre/Anfang 1960er Jahre in Frankreich und der Schweiz parallel zur Radiumverwendung kurzzeitig Uhren und Wecker mit Am-241, Np-237 und Sr-90 sowie Ra-226/Sr-90 Mischungen (letzteres z.B. Fa. JAZ, Colmar).
Die eingesetzten Sr-90 Aktivitäten mußten aber zur Erreichung einer ähnlichen Leuchtdichte wie bei hochwertigen Ra-226 Uhren so hoch sein, dass eine Gesundheitsgefährdung mit der Zeit nicht ausgeschlossen werden konnte.
Die ROLEX GMT-Master aus dieser Zeit erzeugte eine Dosisleistung über dem Glas von 500 mSv/Tag Beta, am rückseitigen Gehäuse durch Bremsstrahlung immerhin noch 5 mSv/Tag Gamma. Diese Uhr wurde in den USA auf Anordnung der Atomic Energy Commission AEC von den Behörden beschlagnahmt (soweit sie noch in Geschäften verfügbar und Kunden bekannt waren). In Europa oder Deutschland  :unknw:

Norbert

Weißt du, wie man erkennen kann, ob eine Uhr des Fabrikates "Jaz" Sr-90 enthält? Wann wurde dieses etwa eingesetzt und bei welchen Uhren? Steht da dann Sr-made in France-Sr?

NoLi

Zitat von: Oliver am 16. September 2023, 22:45Weißt du, wie man erkennen kann, ob eine Uhr des Fabrikates "Jaz" Sr-90 enthält? Wann wurde dieses etwa eingesetzt und bei welchen Uhren? Steht da dann Sr-made in France-Sr?
Das kann man so nicht ohne weiteres erkennen.
Radium-Leuchtfarben gehen mit den Jahren in eine bräunliche Farbe über, weil die Kristalle der ursprünglich grünlichen Farbe durch jahrelange Bestrahlung langsam zerstört werden.

Bei zwei benannten Uhren von JAZ gleicher Bauart zeigte eine (nur Ra-226) über dem Glas (richtiges Glas, kein Kunststoff) mit einem Proportionaldetektor eine bestimmte Beta-Gamma-Zählrate, hervorgerufen durch Radium-Folgeprodukte. Dann wurde ein Betaabsorber dazwischen geschoben und nur der Gamma-Anteil bestimmt.
Bei der zweiten Uhr erfolgten die Messungen unter gleichen Bedingungen wie bei der ersten...dabei zeigte sich eine deutlich erhöhte Betazählrate (etwa Faktor 10) als bei der ersten Uhr. Die Gamma-Zählrate war gleich wie bei der Ersten.
Beide Uhren enthielten ein Glas gleicher Dicke. Der Radiumgehalt war also gleich, es mußte somit noch ein energiereicher Betastrahler zusätzlich vorhanden sein. Diese Messungen und ein umfangreiches Literaturstudium über radioaktive Leuchtfarben in der Uhrenindustrie ließen bei der zweiten Uhr den Schluß auf Ra-226 plus Sr-90/Y-90 zu.
Bei der ausschliesslichen Verwendung von Sr-90 muß zur Erreichung annähernd gleicher Leuchtdichte wie mit Radium die Sr-90 Aktivität ein Vielfaches der des Radium betragen.

Norbert

DL8BCN

Hier nun die Spektren der beiden Wecker.
Beide nur wenige Minuten gemessen.
Es zeigt sich wie erwartet, das bekannte Radium Spektrum mit den deutlichen Pb-214 und Bi-214 Linien.
Beide Spektren (Wecker Junghans und Wecker Diehl) sind leicht unterschiedlich in der Höhe der Linien bei ca. 186 keV (Ra-226) und 242 keV (Pb-214).
Nach meiner Theorie könnte das am unterschiedlichen Alter der Uhren liegen.
Wobei ich nicht sagen könnte, welcher Wecker der ältere ist.
Ich denke aber der "Diehl" ist älter.


DL8BCN

Ich habe noch mal ein wenig recherchiert:
Es wurde auch Pm-147 als Zusatz in Leuchtfarben verwendet.
Weil es aber nur eine HWZ von ca. 2,6 Jahren hat, kann man heute an solchen Leuchtfarben nichts mehr messen.
Ich glaube diese Info gab es hier auch schon früher einmal.


NoLi

Zitat von: DL8BCN am 18. September 2023, 09:31...
Beide Spektren (Wecker Junghans und Wecker Diehl) sind leicht unterschiedlich in der Höhe der Linien bei ca. 186 keV (Ra-226) und 242 keV (Pb-214).
Nach meiner Theorie könnte das am unterschiedlichen Alter der Uhren liegen.
...
Nicht das Alter der Wecker ist dafür ausschlaggebend, sondern die unterschiedliche Leuchtfarbenzusammensetzung und deren Geometrie (Fläche und Dicke) und damit unterschiedlichen Abgasungsraten eines Teiles des Radons-222.

Norbert