Citizen Science Strahlungsmessung / Strahlenschutz

Begonnen von opengeiger.de, 28. Oktober 2023, 14:36

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Ich starte nun mal das Thema Citizen Science hier, nach dem es in der Diskussion um die ODL-Referenzpunkte ja auch hochgepoppt ist. Vielleicht ergibt sich hier ja eine interessante Diskussion, nach dem die Bundesregierung und insbesondere das BMBF die Partizipative Forschung (herkömmlich "Bürgerforschung" genannt) stärken will. Zumindest Meinungen dazu, wie so was aussehen sollte oder könnte, könnten hier ja geäußert werden.

Eine universitäre Einrichtung ist dies bezüglich schon vorgeprescht. Das Institut für Radioökologie und Strahlenschutz (IRS in Hannover) hat ja 2021 in Remlingen (bei Braunschweig) im Keller des Bürgerbüros eine Bürgermesstelle für Radioaktivität eröffnet. Dort steht ein Gamma-Spektrometer, mit dem interessierte Bürger Bodenproben stellen können. Das soll noch bis 2024 in Betrieb sein.

https://www.irs.uni-hannover.de/de/institut/news-und-veranstaltungen/news/aktuelles-detailansicht/news/buergermessstelle-fuer-radioaktivitaet-eroeffnet

https://www.maphy.uni-hannover.de/de/news-veranstaltungen/aktuelles-details/news/buergermessstelle-fuer-radioaktivitaet-eroeffnet-1

Kennt jemand diese Messstelle? Wohnt jemand in der Nähe und könnte die Messstelle austesten? Oder hat jemand eine super-spannende Bodenprobe, für die es lohnt ein paar km zu fahren?  :P

 


DL3HRT

Zitat von: opengeiger.de am 28. Oktober 2023, 14:36Oder hat jemand eine super-spannende Bodenprobe, für die es lohnt ein paar km zu fahren?  :P
Bringt denen doch einmal eine Bodenprobe vom KIT Karlsruhe vorbei. Da wäre ich auf die Gesichter gespannt  :D

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Zitat von: DL3HRT am 28. Oktober 2023, 14:41
Zitat von: opengeiger.de am 28. Oktober 2023, 14:36Oder hat jemand eine super-spannende Bodenprobe, für die es lohnt ein paar km zu fahren?  :P
Bringt denen doch einmal eine Bodenprobe vom KIT Karlsruhe vorbei. Da wäre ich auf die Gesichter gespannt  :D

Die waren doch schon so nett und haben die Hirschgrabenerde ausgiebig untersucht. Prof. Walther hat sogar ne Bachelorarbeit draus gemacht: https://www.irs.uni-hannover.de/fileadmin/irs/Arbeiten/Bachelor/bacdriel_01.pdf  :hi:



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Am 5. Und 6. Dezember 2023 findet in Weimar die Fachtagung Strahlenschutz in Medizin, Forschung und Industrie des TÜV SÜD teil. Da gibt es einen Programmpunkt:
Citizen Science im Strahlenschutz moderiert von Dan Baaken, Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)
Vielleicht sollten wir da einen Vertreter hinschicken  :D ?
Kostenpunkt 920 Euro :o  ?

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Das BfS denkt übrigens konkret über ein Citizen Science Projekt nach:
https://doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2023091839254/3/BfS-RESFOR-218-23.pdf

Also falls jemand Radon im Haus hat, gut auf dem Radarschirm behalten ...

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Es gibt ja so Vorzeige-Citizen-Science Projekte wie Open Street Map oder Wikipedia, wo jeder kennt und wo man auch bereits vergisst, dass diese Dinge, die man da schon alltäglich nutzt, weder von der Industrie noch von staatlichen Behörden kommen und trotzdem für Umme sind und mit Crowd-Funding oder auf Spendenbasis finanziert sind  :o .

Bei Strahlungsmessungen oder im Strahlenschutz gibt es solche Projekte bisher noch so gut wie nicht. Aber was noch nicht ist, kann ja noch kommen. Jedenfalls gibt es in Japan gerade ein großes Citizen Science Projekt, das zumindest in wissenschaftlichen Kreisen Schlagzeilen macht. Vielleicht haben die Japaner aus Krisen wie Fukushima besser gelernt wie hilfreich Citizen Science sein kann  ;) .

Aber mal von Anfang an:

Als in den 90er Jahren mal ein Flugzeug der NASA mit Strahlungsdetektoren an Bord in ein Gewitter geriet, haben die Raumfahrt-Ingenieure sich gewundert, warum die Instrumente so komisch rumzucken. Man hat dann gemerkt, dass die Gewitter-Blitze Gamma Strahlung aussenden. Das hat man schließlich untersucht indem Gamma-Strahlungsdetektoren aufgestellt hat und dann mit diversen Hilfsmitteln Blitze angelockt hat. Da ist z.B. so eine Messung entstanden:

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Die Präsentation dazu findet an hier:
Joseph R. Dwyer;Measuring x-ray emission from lightning
https://www-group.slac.stanford.edu/ais/publicDocs/presentation68.pdf

Man hat das Phänomen versucht zu verstehen, und so sind solche Erklärungen zustande gekommen:
A. Chilingarian; Origin of enhanced gamma radiation in thunderclouds
https://journals.aps.org/prresearch/pdf/10.1103/PhysRevResearch.1.033167

Nun kamen aber die Japaner, mit ihrer Fukushima-Safecast Erfahrung und haben billige Gamma-Detektoren in kleine Boxen gebaut mit dem Ziel die Bürger zu begeistern. Das waren noch einfache Konstruktionen mit BGO-Kristallen als Szintillations-Detektoren:

Takayuki Yuasa; Thundercloud Project: Exploring high-energy phenomena in thundercloud and lightning
https://academic.oup.com/ptep/article-pdf/2020/10/103H01/33857100/ptaa115.pdf

Und das hat so gut funktioniert, dass sie nochmal eins draufgelegt haben und nun so was wie einen Radiacode in ne Box gebaut haben, mit CsI-Detektor, GPS und WLAN usw. und zig solche Boxen an interessierte Bürger verteilt haben und um Mithilfe beim Messen gebeten haben. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Das wurde im August auf der
38th International Cosmic Ray Conference (ICRC2023) in Nagoya, Japan vorgestellt:

Teruaki Enoto et al. "Citizen science "Thundercloud Project" – multi-point radiation measurements of gamma-ray glows from accelerated electrons in thunderstorms"

Zu der Box heißt es da:
For this program, we developed a new portable (3 kg), one-button-operated radiation detector
named Cogamo (Compact Gamma-ray Monitor) and shipped them to citizen supporters (Figure 2).
The Cogamo uses a CsI(Tl) scintillator (5 cm×5 cm×15 cm) coupled with a Silicon Photomultipliers
(SiPMs) MPPC (Multi-Pixel Photon Counter) and covers gamma-ray spectroscopy in the ∼0.2–
10 MeV energy range.

Hier ein Foto der Boxen:

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Das Paper gibt's hier:
https://pos.sissa.it/444/1607/pdf

Hier gibts dann noch mehr Details:

Tsurumi et al; Citizen Science Observation of a Gamma-Ray Glow Associated With the Initiation of a Lightning Flash
https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2023GL103612

und ein besseres Foto der Box:

Sie dürfen in diesem Board keine Dateianhänge sehen.

Na also, Citizen Science für Strahlungsmessungen geht doch! :good2: :good2: :good2:





NoLi

Zitat von: opengeiger.de am 28. Oktober 2023, 15:06Am 5. Und 6. Dezember 2023 findet in Weimar die Fachtagung Strahlenschutz in Medizin, Forschung und Industrie des TÜV SÜD teil. Da gibt es einen Programmpunkt:
Citizen Science im Strahlenschutz moderiert von Dan Baaken, Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)
Vielleicht sollten wir da einen Vertreter hinschicken  :D ?
Kostenpunkt 920 Euro :o  ?

Hier gehts günstiger, wenn auch nicht so speziell:

https://www.buergerschaffenwissen.de/veranstaltungen/forum-citizen-science-2023

Wir freuen uns, euch zum sechsten Forum Citizen Science am 29. und 30. November 2023 an die Universität Freiburg einzuladen. Die Fachkonferenz bietet der Community eine Plattform für Diskussion, Erfahrungsaustausch und Vernetzung und steht in diesem Jahr unter dem Motto ,,Mit Vielfalt Wissen schaffen".

Ab sofort könnt ihr euch für das Forum Citizen Science 2023 in Freiburg anmelden!


Zitat:
"Der Unkostenbeitrag für das Forum Citizen Science beträgt 160 €. Nach Absenden des Formulars erhalten Sie eine gesonderte Zahlungsaufforderung. Bitte beachten Sie, dass die Anmeldung verbindlich ist.

Anmeldeschluss ist der 15. November 2023. Eine Nachmeldung vor Ort ist nicht möglich.

Für forschende Bürger*innen, ehrenamtliche Mitarbeiter*innen und Studierende, die nicht an einer Institution tätig sind, steht ein Kontingent an ermäßigten Tickets zu je 80 € zur Verfügung. Bei Bedarf senden Sie bitte vor Ihrer Anmeldung eine E-Mail an info@buergerschaffenwissen.de, in der Sie kurz die Gründe für eine Ermäßigung erläutern. Melden Sie sich bitte erst nach einer Bestätigung unsererseits an."


Norbert

opengeiger.de

Ja, diese Citizen Science Plattform des Bundes kenne ich gut. Aber ich hab schon länger nicht mehr rein geschaut, den um dort Förderung zu bekommen braucht man ja erstmal eine Idee zu einem Projekt. Ich habe jetzt aber mal geschaut, wer da neben den Ornitologen und Insektenzählern sich da noch so tummelt. Interessant ist, dass sich die Unis da auch bemühen um Projekte mit Cizizen Scientists zu bekommen. So zum Beispiel das KIT. Auf dessen Campus Gelände Nord sich ja das Kernforschungszentrum befand und einige Institute gibt es ja noch, die sich mit entsprechenden Themen dort befassen. Jetzt gibt es da das Projekt "Wir-forschen.digital" das sich an Citizen Scientists wendet) und was in Partnerschaft mit dem KIT läuft, siehe auch  https://hop.fzi.de/wir-forschen-digital/

Da steht zum Beispiel:
Wissenschaft sollte nicht länger nur in geschlossenen Laboren und den Büros der Unternehmen und Universitäten stattfinden. Alle Bürger*innen sollten sich auf einfache Weise im gesamten Forschungsprozess einbringen können. Nur so lässt sich Wissenschaft demokratisieren

Mit diesem Projekt will das Konsortium erforschen, wie sich am erfolgreichsten möglichst viele Menschen erreichen und für diese Idee sowie die gemeinsame Forschungsarbeit begeistern lassen. Hierbei wollen das FZIsehr eng mit Bürger*innen zusammenarbeiten.

Wissen, Kreativität und Neugier zu gesellschaftlich drängenden Fragen zu mobilisieren, ist das Ziel von wir-forschen.digital: Von der Formulierung von Forschungsfragen bis zur Auswertung und Kommunikation der Ergebnisse kann jede*r mitmachen – mit einfachen Digital Citizen Science Werkzeugen. Es gäbe natürlich noch andere Universitäten, bzw. einschlägige Forschungseinrichtungen, die man dazu ansprechen könnte.

Tja jetzt ist die Frage, was könnte das in unserem Bereich sein?

Mir fällt da gleich wieder das Safecast Projekt ein. Nicht ohne Grund hat sich das BfS intensiv mit dem ,,bGeigie Nano" befasst siehe:

Safecast – a Citizen Science project for ambient dose rate mapping Quality assurance issues
https://presentations.copernicus.org/EGU21/EGU21-1343_presentation.pdf

und
SAFECAST – CITIZEN SCIENCE FOR AMBIENT DOSE RATE MONITORING, https://www.rap-proceedings.org/papers/RapProc.2021.07.pdf).

Oder das:
Can citizen science generated ambient dose rate data (Safecast) be used for predicting indoor radon?
https://presentations.copernicus.org/EGU23/EGU23-4528_presentation.pdf

Aber wir wissen ja, der größte Vorwurf der ,,Professionellen" gegenüber den Citicen Scientists ist ja immer die Messwert-Qualität und die Heterogenität des Messequipments. Nun hat aber das BfS als Teil des "Radiologischen Lagezentrum des Bundes" ( RLZ ) nach Beginn des Ukraine-Krieg allerdings auch schnell zu spüren bekommen, dass man in Kriegszeiten kaum amtliche Messdaten aus Saporischschja oder Pripyat bekommt. Da muss das BfS Notfall-Team dann schon auch mal auf private Messstationen zurückgreifen von ein paar ambitionierten Citenzen Scientists, die auch noch Amateurfunker sind. Und wie war das noch bei der Katastrophe von Fukushima, ich erinnere mich noch gut, da kam von den amtlichen Messstellen stets ,,No data available", egal welche amtliche Messstelle man abfragen wollte. Wer Messwerte lieferte, waren wieder Citizen Scientists (oder später die ,,Radiation Brain Moms"). Also was könnte das BfS draus schließen? Ich lass die Antwort mal offen...

Aber man könnte doch mal die Frage stellen, gemessen an der Vielfalt der Geigerzähler, welche in Deutschland in Bürgerhand ist, was können diese Messgeräte denn überhaupt Sinnvolles liefern? Wir müssen dabei unterscheiden: Einmal zu Zeiten gut funktionierender behördlicher Einrichtungen und gut ausgestatteter Ingenieursbüros und dann zu Zeiten von Katastrophen, wo Angestellte und Beamte nicht mehr freiwillig zur geordneten Arbeit gehen und wo Umweltminister*innen lieber mit der Familie nach Mallorca in Urlaub fliehen. Und in den ersten Tagen nach dem 11.März 2011, ging in der Gegend um Fukushima bestimmt auch keiner mehr ganz geregelt zur Arbeit und es war völlig egal, was für einen Geigerzähler man hatte ...  Also man sieht, das ist alles sehr relativ.

Eine Idee für Citizen Science wäre daher doch überhaupt einmal festzustellen, was man mit nicht-professionellem Equipment in der Hand von Citizen Scientists aus wissenschaftlicher Sicht zu normalen Zeiten und in Katastrophenzeiten überhaupt anfangen könnte. Führt das nur zu Verunsicherung der Bevölkerung oder kann man da auch was Brauchbares mit anfangen, z.B. für den Strahlenschutz? Und, was sollte man tun, damit was Brauchbares rauskommt (je nach Szenario)? Wenn das KIT das nun anbietet, könnte man so was nicht mit wir-forschen.digital und der Unterstützung durch das KIT untersuchen? Es gäbe natürlich auch noch andere einschlägige universitäre Einrichtungen, die man dazu um Unterstützung bitten könnte. Mit so einer Idee könnte man dann sicher auch zum Forum Citizen Science 2023 nach Freiburg gehen. Oder nicht? :unknw:

NoLi

#8
Zitat von: opengeiger.de am 30. Oktober 2023, 12:22...
Eine Idee für Citizen Science wäre daher doch überhaupt einmal festzustellen, was man mit nicht-professionellem Equipment in der Hand von Citizen Scientists aus wissenschaftlicher Sicht zu normalen Zeiten und in Katastrophenzeiten überhaupt anfangen könnte. Führt das nur zu Verunsicherung der Bevölkerung oder kann man da auch was Brauchbares mit anfangen, z.B. für den Strahlenschutz? Und, was sollte man tun, damit was Brauchbares rauskommt (je nach Szenario)? Wenn das KIT das nun anbietet, könnte man so was nicht mit wir-forschen.digital und der Unterstützung durch das KIT untersuchen? Es gäbe natürlich auch noch andere einschlägige universitäre Einrichtungen, die man dazu um Unterstützung bitten könnte. Mit so einer Idee könnte man dann sicher auch zum Forum Citizen Science 2023 nach Freiburg gehen. Oder nicht? :unknw:

Das wäre sicherlich ein guter Ansatz, um die "Radiologische Citizen Science" in der Bevölkerung zu implementieren.
Nur muß der praktische Wille der öffentlichen Institutionen zur Unterstützung dazu auch da sein.
Beim KIT sehe ich da vielleicht mehr Flexibilität, weil nach der Fusion von der Uni Karlsruhe mit dem (Kern)Forschungszentrum Karlsruhe und Einführung eines eigenen KIT-Gesetzes in Baden-Württemberg eine unabhängige Studien- und Forschungsuniversität mit eigenem Arbeitsgeberstatus und Strukturen entstanden ist und nicht wie andere Unis an die Hochschulgesetze der Länder gebunden ist.

Norbert

Lutz

Gedanken zu Citizen Science vs. ODL Messnetz
Das ODL-Netz oder auch das www können im Katastrophenfall, warum auch immer ausfallen, u.a. deshalb besitze ich eigene Messgeräte.
Ausfall des www würde verhindern daß Messwerte von Mitbürgern publik werden, daran kann man nur wenig ändern (ausser Notfunk CB etc.).
Nach der Drohung mit "einem Schlag" im letzten Jahr hatte ich die A-Messgeräte dicht in Alufolie gewickelt und in Stahlblechboxen gepackt (level 1 https://www.cisa.gov/sites/default/files/publications/19_0307_CISA_EMP-Protection-Resilience-Guidelines.pdf ), mittlerweile sind alle wieder ausgepackt.


Weiterhin können Messgeräte von Mitbürgern fehlerhaft kalibriert oder fehlerhaft benutzt werden, dazu gab es in der Messkampagne nach Chernobyl genug Beispiele mit Messgeräten der Feuerwehren.
Da sind m.E. Verbesserungen möglich:
a) regelmäßige Vergleichsmessungen mit den Bürgergeräten (z.B. Doku Nullrate und lokaler ODL-Netz-Wert durch die Bürger),
b) Einweisungen/ Hilfe im Umgang mit den Geräten (da ist dieses Forum hilfreich, vllt. gibt es sogar eine Liste mit Anleitungen und ich habe sie noch nicht gefunden)
c) Kalibration / Prüfung von Bürgergeräten bei höherer Dosisleistung (zB xx µSv/h, halt der 2. Punkt auf der Kurve)
Dafür gibt es bisher keine preiswerte Lösung oder ?
- Einschicken zum Hersteller zur Kalib geht natürlich.
- ABC-Züge der Feuerwehren (nur die, und auch nicht alle) führen Verlängerung der Kalibration ihrer DL-Messgeräte und Dosimeter durch, indem sie mit einem Cs137 Prüfstrahler von 330kBq Vergleichsmessungen machen und die dokumentieren. Dafür wird das Messgerät in eine zugelassene Halterung eingesetzt und der Prüfstrahler zB "PS 9" oder "6707" eingeschraubt so daß er direkt vor dem Zählrohr sitzt, dann wird die Zeit gestoppt und Dosis gemessen, es gibt Referenzwerte....die Prüfstrahler haben bis 50µSv/h direkt am Strahlerkopf. Im Prinzip lassen sich so auch andere Strahlenschutzmessgeräte prüfen, mit 3D gedrucktem Halter. Ist nur eine Idee von mir, die FW´s sind sicher nicht erpicht darauf Bürgermessgeräte zusätzlich zu prüfen. Für den FW-Prüfstrahler braucht es eine Umgangsgenehmigung, einen SSB, eine Strahlenschutz-unterweisung für das Personal und er darf das Haus nicht verlassen, sprich ungeeignet zum selber machen für Citizen Scientists. Es gibt bei den ABC-lern meist auch schwache alpha und beta Prüfstrahler.
- Genau bezeichnete, öffentlich zugängliche Orte mit hoher DL wären eine weitere Möglichkeit (z.B. Grube Ytterby mit 18µSv/h). Aber da ist die Geometrie nicht genau definiert und Messwerte variieren bei Einsprengseln im Gestein deutlich von Messgerätetyp zu Messgerätetyp aufgrund der Geometrie im Gerät.
- Gibt es weitere Ideen ?         Unilabors wie oben erwähnt aber mit Prüfstrahler

Henri

Zitat von: Lutz am 17. November 2023, 15:44Gedanken zu Citizen Science vs. ODL Messnetz
Das ODL-Netz oder auch das www können im Katastrophenfall, warum auch immer ausfallen, u.a. deshalb besitze ich eigene Messgeräte.

Eigene Messgeräte können ein Messnetz leider nicht wirklich ersetzen. Denn das ODL-Netz dient hauptsächlich dazu, eine Ausbreitung quasi in Echtzeit verfolgen und dann ggf. zielgerichtet evakuieren zu können. Das ist ein bißchen wie bei den Wetterstationen: eine einzelne hat kaum Aussagekraft, erst im Verbund kann man Isobaren und die Zugrichtung von Hochs und Tiefs finden.

Ob und wie lange die Kommunikationsnetze bei einem kompletten Blackout noch funktionieren werden? Ich denke mal, die Behörden haben schon vorgesorgt und kommen irgendwie an die Daten. Die Bevölkerung hat dann zwar kein Internet mehr, aber hoffentlich das empfohlene batteriebetriebene Radio, und kommt so an Informationen.

Bei einem kompletten Blackout hat man aber sicher ganz andere Probleme als ein "bißchen" Strahlung, und wie wahrscheinlich ist dieser, verbunden mit einer Freisetzung von Radioaktivität?
Geht in Frankreich ein AKW hoch, wird das unser Stromnetz nicht destabilisieren. Und dass bei uns ein AKW hochgeht, ist ja nun nicht mehr so wahrscheinlich  ;D

Über Kernwaffeneinsatz schließlich braucht man eigentlich gar nicht mehr zu diskutieren, da ist's dann einfach vorbei und fertig.  :(

Viele Grüße!

Henri


Henri

Zitat von: Lutz am 17. November 2023, 15:44- Einschicken zum Hersteller zur Kalib geht natürlich.


Geräte im Consumer-Bereich lassen sich in der Regel gar nicht kalibrieren. Auch der Hersteller macht dies nicht, sondern nimmt für alle Geräte den gleichen Konversionsfaktor, vermutlich aus dem Datenblatt des Zählrohrs. Das ist meist einfach billigste, teilweise sehr lieblos zusammengeklatschte Massenware. Hauptsache es tickt und kostet unter 100,-.

Dann fehlt in der Regel eine Energiekompensation, eine vollständige Abschirmung von Beta-Strahlung, eine Berücksichtigung der Totzeit. Da sind dann Programmierfehler drin, die bei hohen Dosisleistungen Impulse "verschlucken" oder zum Einfrieren der Geräte führen. Oder bei erhöhter Zählrate macht die (meist nicht geregelte) Hochspannungsversorgung schlapp. Die Parameter der Geräte sind in den allermeisten Fällen nicht dokumentiert, z.B. Winkelabhängigkeiten. Angaben zu Energiebereichen dürften frei erfunden sein.
Das ist alles ein Kampf gegen Windmühlen. Auch weil ständig neue oder geänderte Geräte auf den Markt kommen. Zwei Monate später hat ein bestimmtes Gerät ein völlig anderes Zählrohr verbaut, oder dies ist auf einmal nicht mehr diagonal, sondern axial eingelötet, usw.


Und nur die wenigsten Käufer werden sich die Mühe machen, zu einem bestimmten Ort zu fahren, um das Gerät dort mal zu testen. Da wird gekauft, möglichst billig, und dann in die Schublade gelegt. So mancher Fehler dürfte sich erst zu erkennen geben, wenn man mal im mSv/h Bereich misst.


Ich glaube, man muss das alles gar nicht übertreiben. Es ist gut, wenn möglichst viele Leute ein Messgerät zu Hause rumliegen haben und es wäre noch besser, wenn sie gelegentlich mal damit spielen würden. Aber auf die Nachkommastelle kommt es gar nicht an. Selbst wenn der Wert 100% daneben liegt, kann man damit immer noch gut etwas anfangen. Und gegen "Schrott" ist man machtlos, wer billig kauft, kauft zweimal.

Wichtig fände ich, die Käufer solcher Geräte dazu zu bringen, damit auch mal Erfahrungen zu sammeln. Aber da braucht es schon die Bereitschaft für. Wer die hat, wird sicher über kurz oder lang hier im Forum landen  :D


Natürlich wär es ein toller Service, die Prüfvorrichtungen der Feuerwehren mitbenutzen zu können  :)  Wenn man da was organisiert bekommt, könnte man ja z.B. ein Mal im Jahr eine Veranstaltung machen und bei der Gelegenheit gleich noch etwas Werbung für die Freiwilligen Wehren  ;)

Z.B. bei einem "Tag der offenen Tür" das Angebot "Lassen Sie Ihren Geigerzähler testen"...
Und bei der Gelegenheit gibt man dann gleich noch Tips für die richtige Anwendung.


Und damit "Science" draus wird, führt man genau Buch über Messgeräte, Produktionsdatum, Firmware-Versionen und Messergebnisse und kann dann schön darstellen, wie hoch die Serienstreuung ist oder die Abweichungen zwischen verschiedenen Gerätemodellen.

  :good3:


NoLi

Zitat von: Henri am 17. November 2023, 19:55...
Natürlich wär es ein toller Service, die Prüfvorrichtungen der Feuerwehren mitbenutzen zu können  :)  Wenn man da was organisiert bekommt, könnte man ja z.B. ein Mal im Jahr eine Veranstaltung machen und bei der Gelegenheit gleich noch etwas Werbung für die Freiwilligen Wehren  ;)

Z.B. bei einem "Tag der offenen Tür" das Angebot "Lassen Sie Ihren Geigerzähler testen"...
Und bei der Gelegenheit gibt man dann gleich noch Tips für die richtige Anwendung.
...
Genau dieses hatten wir im Jahr 2013 am Stand des ABC-Zug Karlsruhe bei einem Katastrophenschutztag mit Pressevorankündigung angeboten...Interesse Null!
Allerdings war damals die politische Lage anders (Friede, Freude, Eierkuchen). Und nachdem in letzter Zeit die Chinesen so massiv mit ihren Billiggeräten auf den Markt kommen, wäre wahrscheinlich auf Grund höherer Geräteverbreitungszahlen heutzutage das Interesse vielleicht etwas größer.
Die Möglichkeiten beim ABC-Zug Karlsruhe bestehen. Strahler von einigen Bq bis 220 MBq sind vorhanden.

Norbert

Peter-1

Hallo Norbert,

da seid ihr in Karlsruhe aber gut ausgerüstet. Hier in der kleinen Großstadt hat die Hauptwache noch nicht mal einen Strahlenschutzbeauftragten. Geräte :unknw: wenn die nicht funktionieren werden sie eingeschickt, so die Aussage. Und die Freiwillige  :yahoo: , na wo kämen wir da hin. Ist schon irgendwie traurig.

Peter
Gruß  Peter

opengeiger.de

@NoLi Könntest Du Dir vorstellen, dass man einen Referenzmessplatz für die Öffentlichkeit beim Tag der offenen Tür im KIT Campus Nord organisieren könnte? Da war die Feuerwehr ja auch da, dieses Jahr. Und Prüfstrahler hats da ja mehr als genug, die man unter Aufsicht vermessen könnte. Ich habe dort dieses Jahr an der Quellensuche und Identifikation an nem LKW mitgemacht, das war ganz nett gemacht. Nur musste man dort eben das vorhandene Equipment nehmen. Also ich könnt mir das gut auch mit privatem Equipment für Citizen Scientists vorstellen bei so nem Event. Leute waren genug da. Was meinst Du?