PKW-Durchleuchtung an der GÜSt Marienborn - Helmstedt

Begonnen von Lennart, 15. April 2026, 16:51

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Lennart

Technik V

An einigen Grenzübergangsstellen der DDR nutzte man radioaktive Quellen mit Cs-137 für die Durchleuchtung von Fahrzeugen, die sich auf dem Weg in die BRD befanden. Ziel war es, mögliche Fluchtversuche zu vereiteln. Zu der sog. "Technik V" gibt es nur wenige gesicherte Informationen.

Zu diesem Thema habe ich einen Vortrag von Felix Ludwig aus dem Jahr 2023 gefunden:


Dazu noch die Nachbesprechung des Vortrags:


In der Diskussion werden Cs-137 Quellen von ungefähr 62 GBq für PKW, bzw. 120 GBq für LKW genannt.

Weiterführende Informationen von der SSK siehe HIER.

NoLi

Zitat von: Lennart am 15. April 2026, 16:51...
Weiterführende Informationen von der SSK siehe HIER.
Zitat aus diesen Informationen:

"Ungeachtet dieser Abschätzungen stellt die Strahlenschutzkommission fest,
daß das Vorgehen der Behörden der ehemaligen DDR in keiner Weise gerechtfertigt war, son-
dern den Grundsätzen des Strahlenschutzes widerspricht.
"

Und wie ist das dann mit den derzeitigen stationären und mobilen LKW-Röntgenkontrollen von Polizei und Zoll gegen Schmuggelgut und illegalen Asylantentransporten zu sehen?

https://www.zoll.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/Sonstiges/2023/z69_roentgentechnik.html

https://www.focus.de/panorama/welt/im-kampf-gegen-kriminalitaet-ein-roentgengeraet-fuer-lastwagen-so-funktioniert-der-mobile-mega-strahler_id_260766345.html
(mit Video)

(ausführliches Video)

Norbert

DL8BCN

Der Fahrer bleibt ja nicht im Fahrzeug sitzen, wenn die Röntgenkanone läuft, oder?
Anders sieht es aus, wenn Schlepper Personen im Container mitführen und die mit durchstrahlt werden.
Ist dann nicht so lustig.
In der DDR wurden ja die Fahrzeuge ohne das Wissen der Fahrzeugführer geröntgt.
Das ist natürlich kriminell.

miles_teg

Zitat von: NoLi am 15. April 2026, 19:11Und wie ist das dann mit den derzeitigen stationären und mobilen LKW-Röntgenkontrollen von Polizei und Zoll gegen Schmuggelgut und illegalen Asylantentransporten zu sehen?
Ich vermute nicht, das dort Personen "im Strahl" sind. Wenn eine Person versucht illegal in ein Land einzureisen, sollte sich diese Person über die möglichen Risiken klar sein.

DG0MG

Ein lesenswerter Artikel, um in das Thema "TECHNIK V" einzusteigen, ist dieser aus dem Spiegel 51/1994:


Der Herr Felix Ludwig, der den Vortrag hält, ist Historiker, kein Techniker, das merkt man.
Er erzählt davon, dass es 150 NaI-Sensoren waren, aller Wahrscheinlichkeit nach also Szintillationssonden, jeweils mit PMT. Gleichzeitig sollen die Autos 30 Sekunden während der Durchleuchtung STILLGESTANDEN haben. Das macht aber keinen Sinn, man hätte bei einem flächig angeordneten Sensorfeld ein Bild mit 150 Pixeln. Stattdessen hat das meines Wissens eher wie ein Faxgerät oder ein Zeilenscanner funktioniert: Die 150 Sensoren waren eng aneinander in einer Linie angeordnet: Wenn z.B. Szintillatoren von 15 mm Durchmesser und entsprechende Finger-PMTs verwendet wurden, ergibt das eine für PKWs gut passende Zeilenbreite von 2,25 Metern.
Durch organisatorische Maßnahmen fuhren die Autos langsam im Schrittempo über die Sensorenzeile, über eine Messung der genauen Fahrgeschwindigkeit oder des bestehenden Abstandes (Ultraschall o.ä.) wurde der Fortschritt des Bildaufbaus auf dem Sichtgerät gesteuert.

Die Diskussion, ob die Strahlenquelle unten und die Sensoren oben, oder ob es anders herum war, stellt sich mMn schon aus physikalischer Sicht gar nicht: Um ein scharfes Bild zu bekommen, muss sich der Sensor möglichst nahe am durchstrahlten Objekt befinden. Das ist beim Zahnröntgen genauso. Der Strahlengang ist ja nicht parallel, wie bei Sonnenlicht, sondern eher divergent - ausgehend von einer Punktquelle nur wenige Meter entfernt. Aus dieser Sicht ist es einfach sinnvoller, die Sensorzeile im Boden unterzubringen und den Strahler auf die Beschaubrücke hochzuwuchten, wie im SPIEGEL-Artikel beschrieben.

Der Herr, der in Teil III Diskussion immer wieder anregt, man bräuchte doch "nur mal" beim VTKA in Rossendorf nachfragen, ob die noch Unterlagen über die Cs-Quellen hätten, verkennt m.M. nach die Situation. Zum ersten hat man es mit einem GEHEIMDIENST zu tun, für den Konspirativität eins der obersten Prinzipien war. Zum zweiten ist die Übergabe an die NVA und damit später an die Bundeswehr, die Herr Ludwig im Vortrag anspricht, eine sehr wahrscheinliche Variante. Schon allein deshalb, wenn man sich mal anschaut, was die NVA in Storkow (wo die Quellen hingekommen sein sollen) denn so gemacht hat: https://www.geigerzaehlerforum.de/index.php/topic,1657.0.html
Bei den Diskutanten herrscht die Einstellung vor, man hätte die Quellen "loswerden" wollen. Loswerden von der Grenze, ja. Aber doch nicht unter einem Haufen Bauschutt vergraben. Vielleicht haben die Quellen dann später eine normale zivile Verwendung gefunden, es ist ja nicht so, dass die niemand brauchen könnte.

Hier werden ja immerhin konkrete Fakten genannt: https://www.gruenes-blatt.de/index.php/2005-03:_Gammastrahler_an_der_Innerdeutschen_Grenze
"Bling!": Irgendjemand Egales hat irgendetwas Egales getan! Schnell hingucken!

DG0MG

Hier eine Ausgabe der Schrift "Stacheldraht" 3/2009 mit einem Artikel über die "TECHNIK V" auf Seite 10:

"Bling!": Irgendjemand Egales hat irgendetwas Egales getan! Schnell hingucken!

DG0MG

In der Heftreihe "Technikgeschichte" des Industriesalons Schöneweide erschien in Heft 8 ein Artikel über die "TECHNIK V", hier mit Schwerpunkt auf dem im Berliner Werk für Fernsehelektronik hergestellten Sekundärelektronenvervielfacher (=PMT) M10FS19, der in der Sensorzeile eingesetzt wurde. Der M10FS19 hat einen Kolbendurchmesser von 19 mm, die Sensorzeile war also bei 150 PMTs knapp 3 Meter breit.
"Bling!": Irgendjemand Egales hat irgendetwas Egales getan! Schnell hingucken!

DG0MG

Im Buch "Guten Tag, Passkontrolle der DDR" von Hans-Dieter Behrendt beschreibt er als früherer Verantwortlicher für Passkontrolle im Bezirk Potsdam die Abläufe an einer Grenzkontrollstelle:
"Bling!": Irgendjemand Egales hat irgendetwas Egales getan! Schnell hingucken!

DG0MG

Hier mal ein Dokument des MfS aus der Entwicklungszeit der "TECHNIK V". Auf wenn die einzelnen Komponenten nicht detailliert beschrieben sind, geben die STichpunkte schon ein gutes Bild ab, was sich die Konstrukteure so gedacht haben.
"Bling!": Irgendjemand Egales hat irgendetwas Egales getan! Schnell hingucken!