radioaktive Röhren

Begonnen von DL3HRT, 24. Juni 2019, 17:08

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NoLi

Zitat von: Lennart am Gestern um 15:41...
Das Symbol ist magentafarben auf gelbem Untergrund, also wahrscheinlich bereits vom Hersteller in den USA aufgeklebt. Oder war dies damals auch hier der Standard?
...
Diese Farbgebung war in den frühen 1960er Jahren auch von den USA übernommener Standard in der BRD. Magenta deswegen, weil diese Farbe nur sehr schwer zu mixen war (wegen Fälschungen). Erst mit der ersten StrlSchV von 1965 wurde "schwarz/gelb" eingeführt.
Zitat von: Lennart am Gestern um 15:41...
Eine weitere Frage ist, ob es damals überhaupt schon ein Bewusstsein dahingehend gab, dass Komponenten im Radarbereich Röntgenstrahlung emittieren?
...
Auch dieses Bewußtsein trat in den 1950er Jahren in den Vordergrund, nachdem es zu Strahlenschädigungen bei Radarpersonal (vor allem Wartungspersonal) kam. Die Dosisleistung an Gehäusen von amerikanischen Radaranlagen (andere gab es zu der Zeit bei der Bundeswehr nicht) von Schiffen und mobilen Anlagen betrugen bis zu 50 R/h (500 mSv/h), welche dann durch Anbringen von zusätzlichen Bleiplatten "auf annehmbare Werte" reduziert wurde.

Norbert

Lennart

Zitat von: NoLi am Gestern um 18:49Auch dieses Bewußtsein trat in den 1950er Jahren in den Vordergrund, nachdem es zu Strahlenschädigungen bei Radarpersonal (vor allem Wartungspersonal) kam.

Das widerspricht diesem Absatz im Wikipedia-Artikel, der auch mit Quellen untermauert ist:

"Laut der Radarkommission war der Bundeswehr ab etwa 1958 das Problem der Röntgenstrahlung aus Radargeräten bekannt.[17] Nach Aussagen von Soldaten und Dokumenten wurden jedoch erst ab 1976 bei der Bundesmarine, dann ab den frühen 1980er Jahren generell Warnungen ausgesprochen, Warnhinweise angebracht und Schutzmaßnahmen ergriffen.[25] In den 1960er und 1970er Jahren waren die Bundeswehrsoldaten und -techniker weitgehend unwissend über die Gefahren, ebenso wie die der NVA der DDR.[26] Es gab auch keine vorgeschriebenen Maßnahmen zum Strahlenschutz wie das Tragen von Bleischürzen.[11]

Noch in den 1990er Jahren bestritt die Bundeswehr jeglichen Zusammenhang zwischen Radargeräten und Erkrankungen. Kranke Soldaten mit komplexen Krankheitsbildern wurden teilweise als Hypochonder eingestuft.[2]"

NoLi

Genau, das Problem der Röntgenstrahlungsemission war schon in den 1950er Jahren bekannt, aber auf Grund des Kalten Krieges und der Nationalen Sicherheit wurde das Problem ignoriert, weil es sonst den Ausfall der permanenten Radarüberwachung (meist nach Osten) nach sich gezogen hätte. Und die betroffenen Soldaten ließ man im Ungewissen, "was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß".

Norbert

Radiator

Zitat von: NoLi am Gestern um 08:46Je nach Betriebsspannung kann mit dem Trefoil auch vor Röntgenstrahlung bei Betrieb gewarnt werden.
Dies ist kein Zeichen für Radioaktivität, sondern für ionisierende Strahlung.

Norbert

Die Amis haben da ganz praktische Aufkleber, die Mißverständnisse ausschließen. Aber vermutlich auch erst nach ein paar hundert unnötigen Feuerwehreinsätzen wegen alter Röntgengeräte oder Röntgenröhren auf dem Flohmarkt eingeführt.

Ich persönlich finde es ungeschickt, daß Röntenstrahlung und radioakive Stoffe dieselbe Kennzeichnung haben. Eigentlich wäre da ein neues Symbol angezeigt, das zwischen der Stoffeigenschaft und der Strahlung unterscheidet. Laser- und Funkstrahlen haben eigene Warnzeichen.

Zu der Kennzeichnung der Röhre oben: Einerseits würde ich annehmen, daß man eine Warnung vor Röntgenstrahlung sinnvollerweise am fertigen Gerät anbringt (und nicht schon an Bauteilen), andererseits kenne ich halt gerade Röntgenröhren, wo man das Trefoil ohne weitere Erklärung draufgedruckt hat.


Das mit den verstrahlten Radartechnikern zieht sich doch glaube ich schon seit Anfang der 90er und dürfte sich mittlerweile biologisch auf bestmögliche Weise für die Behörden gelöst haben.

Daß man beim Militär Menschenleben gegen Sicherheit tauscht, ist zwar nicht schön, aber noch nachvollziehbar. Aber dann muß man danach für die Betroffenen alles mögliche zur Entschädigung, Genesung etc. tun. Hat man ja aber nichtmal für die PTBS-Betroffenen aus dem Afghanistan-Einsatz getan.

Die Presse hat es in all den Jahrzehnten übrigens auch nicht geschafft, das Problem so darzustellen, daß ich es verstanden hätte.

Ich bin immer davon ausgegangen, daß die Radartechniker zuviel Radarstrahlung abbekommen haben. Weil sie halt dauernd an den Geräten rumlungern, zur Antenne raufklettern usw. (Bediener, also die am grünen Bilschirm, waren wohl eher nicht so betroffen, oder saßen die teils in engen LKW mit dem ungeschirmten Sender im Rücken?)

Daß die Schaltung unten das Problem war, wo die Techniker bei geöffnetem Gerät vor den quasi Röntgenröhren hockten, ist mir erst dann bewußt geworden, als ich mal ein fettes 16kV-Thyratron aus einem 60er-Jahre-Metallklotz mit Hammerschlagoptik und großem Zeigerinstrument in der Mitte ausgebaut habe.

Dieses kleine Teil kann nur zarte Impulse bis 2MW, und die 16kV sind noch nicht wirklich röntgenintensiv.  ;D 

Aber es ist auch schon für Radaranwendungen gedacht, und deshalb fiel es mir bei der Recherche wie Schuppen aus den Haaren. Die großen Brüder davon können mehrere zig kV. Man möchte solche hohen Spannungen nicht im Wohnzimmer schalten, schon gar nicht gegen hohe Ströme. Auch nicht hinter isolierendem Plexiglas.  :wacko2: 

Wenn ich mich recht entsinne, war da noch ein anderes Thyratron dabei, das ein etwas gelbliches Glas um den Anodenanschluß hat. Vielleicht ein Kandidat für diese Sektion hier (radioaktive Röhren.)

DL3HRT

Zitat von: Radiator am Heute um 03:26Wenn ich mich recht entsinne, war da noch ein anderes Thyratron dabei, das ein etwas gelbliches Glas um den Anodenanschluß hat. Vielleicht ein Kandidat für diese Sektion hier (radioaktive Röhren.)
Das ist Uranglas. Es wurde in den 1950er und 1960er Jahren häufig bei Leistungsröhren verwendet, bei denen dicke Drähte in den Röhrenkolben geführt wurden. Bei den Thyratrons fließen sehr hohe Ströme und sie werden entsprechend heiß. Da hat man oft auf Wolframelektroden zurückgegriffen. Zufällig hat Uranglas fast den gleichen Wärmeausdehnungskoeffizienten wie Wolfram :yahoo:.

Ich habe hier eine KU-52 Diode von ITT/Kuthe vorgestellt:
https://www.geigerzaehlerforum.de/index.php/topic,113.msg19368.html#msg19368

Hier sieht man die KU-52 im Größenvergleich mit einem JAN 5949A Wasserstoff-Thyratron. Man kann das Uranglas am Durchgang des Anoden"drahtes" sehen. Die JAN 5949A, welche daneben steht, konnte Impulsleistungen bis zu 6 MW schalten!!!

Beide Röhren produzieren im Betrieb bei Belastung Röntgenstrahlung.

Ich habe auch noch ein 5C22 Thyratron, welches ebenfalls Uranglas am Anodenanschluss hat. Eigentlich witzig, dass man hier das Uranglas nicht wegen seiner, sondern trotz seiner Radioaktivität verwendet hat. Sonst dienen radioaktive Zusätze in der Regel als Zündhilfe.



DL3HRT

Da aber wieder das Thema Röntgenstrahlung aufkam eine Frage: Wie ist das eigentlich bei den größeren Funkenstreckenröhren, wie z.B. der TG-57 (siehe https://www.geigerzaehlerforum.de/index.php/topic,113.msg3194.html#msg3194)? Sie ist mit einer Zündspannung von 25 kV spezifiert. Damit müsste sie eigentlich Röntgenstrahlung produzieren.

Die Funkenentladung verläuft extrem schnell. Könnte man die Röntgenstrahlung überhaupt messen? Für ein Zählrohr wäre das doch nur ein einzelner Impuls?

Was meint ihr?