Fukushima: Kühlwasser soll ins Meer geleitet werden

Begonnen von DL3HRT, 07. Februar 2022, 09:36

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DL3HRT


DL8BCN

Es wird immer gesagt, daß es schwierig oder unmöglich ist, das Tritium aus dem Wasser zu entfernen.
Da Tritium gasförmig ist, sollte man es doch ausgasen können??
Außerdem soll noch Jod-129 und Ru-106 ein Problem sein.
Ich habe im Internet einige Infos zu den Aktivitäten gefunden, möchte das aber hier nicht zitieren.
Ich weiß nicht welche Quelle seriös ist.


DG0MG

Hier werden Zahlen genannt:


" 60.000 Becquerel Tritium pro Liter – das ist der Grenzwert, den man sich in Japan gesetzt hat. Höher soll die Belastung des eingeleiteten Wassers nicht sein."

Es soll eine Gesamtmenge von 1 Billiarde Becquerel vorhanden sein.
"Bling!": Irgendjemand Egales hat irgendetwas Egales getan! Schnell hingucken!

DL3HRT

ZitatEs wird immer gesagt, daß es schwierig oder unmöglich ist, das Tritium aus dem Wasser zu entfernen.
Da Tritium gasförmig ist, sollte man es doch ausgasen können??
Diesen Denkfehler hatte ich früher auch. Was ist aber, wenn das Tritium oxidiert? Dann ist es ganz "normales" Wasser, eben nur mit zwei Tritiumatomen.

NoLi

Zitat von: DG0MG am 07. Februar 2022, 11:30
...
" 60.000 Becquerel Tritium pro Liter – das ist der Grenzwert, den man sich in Japan gesetzt hat. Höher soll die Belastung des eingeleiteten Wassers nicht sein."

Es soll eine Gesamtmenge von 1 Billiarde Becquerel vorhanden sein.

- 1 Billiarde Bq = 1E15 Bq = 1 PBq.
- Der natürliche Tritiumgleichgewichtsgehalt der Atmosphäre durch Bildung durch kosmische Strahlung und Zerfall beträgt etwa 1.300 Peta-Bq = 1,3 E 18 Bq = 1,3 Exa-Bq (1,3 EBq).  https://www.vkta.de/wp/wp-content/uploads/2019/07/SSP_2_2019_Kaden.pdf

In Fukushima lagern in Abwassertanks somit ca. 0,13 % des sowieso in der Atmosphäre ständig vorhandenen Tritiums...

Norbert

Prospektor

Zitat von: NoLi am 07. Februar 2022, 12:01


- 1 Billiarde Bq = 1E15 Bq = 1 PBq.
- Der natürliche Tritiumgleichgewichtsgehalt der Atmosphäre durch Bildung durch kosmische Strahlung und Zerfall beträgt etwa 1.300 Peta-Bq = 1,3 E 18 Bq = 1,3 Exa-Bq (1,3 EBq).  https://www.vkta.de/wp/wp-content/uploads/2019/07/SSP_2_2019_Kaden.pdf

In Fukushima lagern in Abwassertanks somit ca. 0,13 % des sowieso in der Atmosphäre ständig vorhandenen Tritiums...

Norbert

Dieser Logik folgend wäre es also auch kein Problem, wenn man da 1000 Tonnen angereichertes U einleiten würde, weil das bezogen auf das globale Inventar ja nur ein Witz ist?  :-\
Es ist ja wohl die lokale Konzentration, die hier das Problem ist. Und es ist nicht so, dass man sich forschungsseitig so einig ist, was die Gefährdungsbeurteilung von H-3 angeht.

NoLi

Zitat von: Prospektor am 07. Februar 2022, 12:50
Dieser Logik folgend wäre es also auch kein Problem, wenn man da 1000 Tonnen angereichertes U einleiten würde, weil das bezogen auf das globale Inventar ja nur ein Witz ist?  :-\
Im Prinzip: ja. Und man hätte den globalen Urangehalt nicht mal erhöht, sondern nur "umverteilt"... ;)

Zitat von: Prospektor am 07. Februar 2022, 12:50

Es ist ja wohl die lokale Konzentration, die hier das Problem ist. Und es ist nicht so, dass man sich forschungsseitig so einig ist, was die Gefährdungsbeurteilung von H-3 angeht.
Ganz genau! Diese konzentrierte Menge macht die Dosis. Aber letztendlich kommt es auf den Verdünnungsfaktor und die zu erwartenden Konzentrationen in Lebensmittel an, obwohl es dem ALARA-Prinzip widerspricht. Und scheint mir ein kostengünstiges Zugeständnis an TEPCO darzustellen.
Bleibt trotzdem eine große Sauerei!!!

Norbert

marco

es werden unterdessen wohl etwa 1,3 millionen tonnen "wasser" sein die dort in den tanks gelagert sind.
die spezifische aktivität schwankt zwischen 0,4 und 4MBq/l ; im durchschnitt 730kBq/l
im gesamten etwa 760TBq (Quelle METI)

immer wieder lese ich von verstrahltem wasser, das ist unschön formuliert (nukespeak): das wasser ist wennschon "strahlend".

ich konnte von dem ersten regen der bei uns (in der schweiz) nach fuku runterging, an der dachtraufe einen eimer voll sammeln und später im LSC messen:  runde 25 Bq/liter 3H,  cäsium an der nachweisgrenze)

tritium kann in lebewesen angereichert werden.

Vertrauen ist gut, selber messen ist auch gut

marco


noch mehr gedanken und einige fakten zu unstabilem wasserstoff (3H, Tritium) und der geplanten verklappung in fukushima:
3H ist ein kontinuierlich in der oberen atmosphäre durch interaktion von kosmischen strahlen mit stickstoff und sauerstoff produziertes radioaktives isotop von wasserstoff. 3H wird auch bei der kernspaltung erzeugt und ist mit C14 zusammen dosimetrisch DAS dominante alltäglich freigesetzte abfallprodukt der atomindustrie. Als kleinstes aller radionuklide ist es das diffusionfähigste.
3H wandelt sich mit einer halbwertszeit von 12,4 jahren zu 3He, dabei wird ein elektron mit einer mittleren energie von 5,7 keV ausgestossen.
Wie die stabilen wasserstoffisotope nimmt 3H als HT und HTO am wasserkreislauf teil und kann in organischen systemen stabile wasserstoffatome ersetzen. So wird OBT, (Organically Bound Tritium) erzeugt, wobei es auch zu anreicherung kommt. (Lit: 1,2,3,4)
The maximum range of the β emission in material of unit density is approximately 6.0 µm, and the mean range is 0.54 μm.
also mit zählrohren etc nicht zu messen, mE nur mit flüssigszintillation oder durchflusszählern.
1) Rafi Gonen, Ben-Gurion University of the Negev 2008: Cellular Organic bound Tritium (OBT) Characteristics Due To HTO Exposure
2) Etnier Travis Hetrick 1984: Metabolism of organically bound tritium in man
3) Wolfgang Donhärl, TU München 1997: Untersuchungen über die vegetative Tritium-Inkorporation
4) Mccubbin, Leonard, Bailey, Williams, Tossell  2001: Incorporation of Organic Tritium by Marine Organisms


In meerwasser war die tritiumaktivität im vor-nuklearen zeitalter überall sehr niedrig, nämlich grössenordnung eine TU (Tritium-Unit: 0,118Bq/l). In den gewässern vor fukushima wurden in den jahren vor der katastrophe 0.4 bis 1.3 TU gemessen.  https://hal.archives-ouvertes.fr/hal-01584220   


Tritiumaktivität in wasser vor dem nuklearem zeitalter, verschiedene autoren, Bq/liter

in Gewässern und Seen, mittlere nördliche Breiten:   NCRP 62       0,2 - 0,5
      Weser, Bremen   1953                 Buttlar /Libby      0,2   
      Rhone         1953                 Kaufman / Libby   0,31   
      Rhein         1953                  Kaufman / Libby   0,35   
                                                 CERN         max. 0,5
                                                 UNSCEAR 58      0,6   
                                                 UNSCEAR 72      0,2 - 0,8
                                                 NCRP 79      0,17   
                                                 John Gofman      0,2 - 0,9   
Regenwasser   Ottawa, Kanada 1950             Robertson / Cherry   0,4   
Regenwasser   nördliche Breiten                     Universität Columbia   0,6   
Regenwasser   Chicago Dec 1952 - March 1953       Kaufman /Libby   0,65   
Regenwasser   südliche Breiten                     John Gofman      0,5
   
Atlantik 1953                                       Kaufman / Libby   0,02     
Pazifik                                          Kaufman / Libby   0,06   
Seawater                                               Unscear 77      0,118*
* 0,118 Bq/liter = 1 Tritium-Unit TU ; ehemals  Referenzwert der Tritiumaktivität

laut CRII-Rad ist heute hiesiges grundwasser mit etwa 4Bq/l belastet, aus natürlichen quellen plus der restaktivität von atombombentests.
zwischen 4 und 7 Bq/l sind noch andere unbekannte quellen beteiligt.
oberhalb 7 Bq/l liegt sicher eine aktuelle verschmutzung vor.

DOSIMETRIE

ICRP berücksichtigt nicht die in grosser Zahl vorliegenden Studien und Vorschläge von anerkannten Körperschaften (zB ICRU), welche einen Qualitätsfaktor (wR, RBW) grösser als Eins für 3H fordern:
ICRP  DRAFT FOR DISCUSSION 2005
,,Considering these arguments, it can be expected, with exception of a few cases such as tritium incorporated into the DNA, that the single-value of wR for photons and electrons provides sufficient precision for the purposes of radiation protection.
These facts are good arguments for continuing to use a wR of 1 for all low-LET radiations.
It is, however, important to state that this simplification is sufficient only for the intended application of effective dose, e.g. for dose limitation, assessment and controlling of doses. It is not intended for retrospective assessment of individual risks of stochastic effects from radiation exposure. In cases of individual retrospective dose assessment more detailed information on the radiation field and appropriate RBE values should be considered if available"
In einem anderen, nicht verbindlichen entwurf zitiert die ICRP verschiedene studien welche einen RBW von bis zu 4 für meereslebewesen gefunden haben!

Das bedeutet praktisch, dass die rechtlichen grundlagen dosimetrie nach den wünschen der atomindustrie berechnet werden. Dem vorausschauenden bevölkerungsschutz kommt dabei wenig bis kein gewicht zu. Im gegenteil: obwohl die ICRP durchaus realisiert, dass 3H im erbgut grösseren schaden anrichtet als mit Ihren modellen berechnet wird, werden keine konsequenzen gezogen.
Wo (noch) kein kläger ist, ist auch kein richter.
Also brauchts mit ICRP- logik auch keine entsprechenden gesetze.
Nur für retrospektive stochastische dosisberechnungen räumt ICRP ein, dass ein qualitätsfaktor «grösser eins» in betracht gezogen werden könnte. Das erinnert mich an die asbest-gerichtsverfahren ...

Dazu die autoren einer 2007 Studie:     (Risk from tritium exposure D. Galeriu, A. Melintescu, H. Takeda)
"Concerning the communication with the public, we want to point a present difficulty. For prospective and compliance dosimetry, ICRP is using RBE=1, but allow higher values for retrospective dosimetry or risk estimates (ICRP 2007). This is difficult to be explained to the public, in a credible and transparent way, when we must expose the effect of tritium releases from nuclear industry. The dose limits itself have been established considering risks, so dose coefficients must be also risk related and the distinction between risk estimate and compliance or prospective dosimetry is difficult to understand. We encounter also a difficult problem in applying compliance dosimetry to atomic workers. Their urine is monitored and dose is assessed from bioassay - this is in fact a retrospective dosimetry."

Auf youtube mein versuch mit einem alphastrahler und seifenschaum, im begleittext überlegungen und fakten zur relativen biologischen wirksamkeit von tritium:   https://www.youtube.com/watch?v=MSiSbNBLJIQ
                       






Vertrauen ist gut, selber messen ist auch gut

NoLi

Schaut mal den Bericht "Tritium"; https://publikationen.bibliothek.kit.edu/270032500 ; Volltext runterladen;  Kapitel 5.8.3 ab Seite 149.

Norbert

miles_teg

Im übrigen landen Tritiumabfälle unterhalb der Freigrenze aus der Forschung im normalen Abwasser. Das war in 3 Ländern, in denen ich gearbeitet habe, die übliche Vorgehensweise. Früher habe wir in DE noch alle flüssigen Tritiumabfälle gesammelt, inzwischen landet der Kram auch im Abfluss. Die Mengen sind im Vergleich minimal, aber gut finde ich das auch nicht.
Und ja, die Gefährlichkeit von organische gebundenem Tritium ist weder besonders gut erforscht und daher umstritten.